Sorry ich sympathisiere

Werthers Echte stehen am Pranger.

Im Storck Wäldchen hängen die Aktivisten in den Baumwipfeln und harren auf spartanischen Palletten aus, verbringen die kühlen Nächte in Hängematten und riskieren strafrechtliche Verfolgung. Eine krasse Entscheidung, gut organisiert und supportet.

Nach eigenen Angaben sind die Menschen, die sich aktiv gegen die Rodung des Waldes einsetzen aus der Gegend, heißt, sie kommen von hier wech.

Ihnen ist weder an Krawall geschweige denn an Eskalation mit der Exekutive gelegen. Möge sich der Wille zur Eskalation auch auf Seiten der Einsatzkräfte in Grenzen halten.

Die Firma Storck, Hersteller von Bonbons und anderem Süßen, möchte expandieren, Storck Riese eben, der Name ist Programm. Leider ist es ausgerechnet ein Waldstück mit altem Baumbestand, das dafür gerodet werden soll.  An anderer Stelle sollen als Ausgleich neue Bäumchen gepflanzt werden.

Bis eine kleine Buche eine große Buche geworden ist, vergehen mindestens zweihundert Jahre, denke ich, während ich den Zeitungsbericht lese. So alt wird kein Mensch; allein die Zähne halten länger als Herz und Hirn.

So können unsere Nachfahren, sofern es welche geben wird und sie Bock haben, einige Exemplare aus der ostwestfälischen Provinz postmortal zu sezieren, noch Karies nachweisen, der auf einen zu hohen Verzehr von Süßem schließen lässt.

Vielleicht werden sich spätere Generationen darüber wundern, warum wir uns mit Zucker und Fett vollgestopft und dafür Wälder gerodet haben.

Ich sympathisiere mit den Aktivisten, sage ich am Frühstückstisch und sogleich trifft mich der harte Schlag mit dem Hammer der wirtschaftlichen Argumente.

Wirtschaft first. Arbeitsplätze. Wachstum. Wohlstand. Abwanderung von Wirtschaftskraft vermeiden.

Ich bin schlecht vorbereitet auf die morgendliche Diskussion mit wirtschaftspolitischem Schwerpunkt. Und ich merke, dass ich ausgesprochen unlustig bin, mich auf eine harte Debatte einzulassen. Überhaupt. Was soll eigentlich diese Härte?

Ich erinnere mich an die Zeit, als ich noch Karate übte. Man kann mit sanften Bewegungen aus dem Widerstand gehen, ohne an Präsenz zu verlieren. Alles eine Frage der Übung.

Ich sympathisiere mit Menschen, die sich friedlich und unter Einsatz ihrer Gesundheit in Bäume hängen, um uns allen, wenn auch nur symbolisch, den Arsch zu retten.

Wir haben diese eine Erde? Nein. Wir denken, dass wir diese eine Erde besitzen, vielleicht denken wir sogar, dass sie unser Eigentum ist. Ist sie aber nicht.

Wir sind zu Gast auf diesem Planeten. Und wir sind vergänglich.

Was würden wir persönlich mit Gästen tun, die sich in unserem Haus und Garten alles nehmen, was ihnen in den Sinn kommt? Und damit nicht genug, sie uns noch nicht mal das letzte Hemd ließen?
Mir ist klar, dass einfache Lösungen und Vergleiche hinkend verlocken, verführen und viel zu oft verblenden.

Aber ist es denn wirklich so schwer, gemeinsam was auf die Kette zu kriegen? Gerade dann, wenn es ums Ganze geht?

Ich sympathisiere mit Menschen, die sich dieser Tatsache zunehmend bewusst werden. Menschen, die sich trauen, Komfortzonen zu verlassen, Neues auszuprobieren. Menschen, die auf Konsens aus sind, bereit sind, zu verhandeln, offen sind für neue Perspektiven, interessiert daran sind, zu lernen und sich zu entwickeln.

Menschen, die in sich gehen, ab und zu und besonders bevor sie etwas zum Besten geben wollen.

Ich sympathisiere mit Menschen, die sich trauen, zu scheitern und die den Mut zur Demut haben.
Niemand verliert, wenn er sich schwach und verletzlich zeigt. Jedenfalls wäre es schön, wenn wir es eines Tages geschafft hätten, das so zu sehen.

Und dann müsste auch niemand mehr dafür kämpfen, dass Bäume nicht für Geld gerodet werden.
Sorry, ich sympathisiere mit diesem Gedanken.

Lass uns wie Wasser sein. Immer einen Weg findend, unaufhaltsam sanft, klar, unbändig, rein und kraftvoll.