Motivirrtum

Sie sitzen immer noch in den Bäumen, die Baumbesetzer am Steinhausener Weg in Halle/Westfalen.  Sie sind immer noch friedlich und werden es auch bleiben.

Ich sympathisiere immer noch mit ihnen, Tendenz steigend.

Sie ernten mehr Kritik als Unterstützung.

Die Stadt stellt Strafanzeige, die Stadt ist der Rechtsstaatlichkeit verpflichtet. Politiker sprechen unisono von einer demokratischen Entscheidung, von einem Dilemma zwischen der Notwendigkeit des Klimaschutzes und der Wahrung der Rechtsstaatlichkeit.

Unüberschaubar, dass der Rechtstaatlichkeit und der Wirtschaftskraft der Vorrang gegeben wird.

Es ist ein Dilemma. Stimmt.  Auch, weil das Recht bzw. die Gesetzgebung hinter den Notwendigkeiten hinterherhinkt. Es ist allerhöchste Zeit, Gesetze zu reformieren und an die Gegebenheiten anzupassen und die Grundrechte über alles zu stellen.  Dafür sind sie nämlich da!

Ein Baum muss 200 Jahre und älter sein. Ein Gesetz nicht!

Ich stehe auf Demokratie und Recht.  Aber das hält mich nicht davon ab, selber zu denken und Fragen zu stellen.

Was ist denn eine demokratische Entscheidung?Eine Entscheidung ist demokratisch zustande gekommen, wenn alle, die von ihr betroffen sind, ihre Meinung einbringen und sich an der Entscheidungsfindung gleichermaßen beteiligen können.

So weit so gut. Demokratisch zu entscheiden heißt also nicht, dass die Entscheidung gut, richtig und zum Wohle von allem getroffen wird.
Demokratisch entschieden zu haben sagt also nichts darüber aus, dass alle, die an der Entscheidung beteiligt sind, mit bestem Wissen und Gewissen entschieden haben.

Eine demokratisch getroffene Entscheidung kann richtig oder falsch sein, gut oder schlecht, nützlich oder schädlich. Sie ist nur das. Eine demokratische Entscheidung.

Als solche basiert sie auf einem oder mehreren Motiven.

Kennen Sie immer Ihre wahren Motive?
Wovon lassen Sie sich leiten, wenn Sie entscheiden?

Wie oft ist es Ihnen schon passiert, dass Sie mit dem Verstand eine Entscheidung getroffen haben, die Sie später bereuten, weil sie falsch war? Oder weil Sie nur dachten, dass sie klar bei Verstand sind und in Wahrheit verstickt waren in innere und vielleicht äußere Konflikte oder Erwartungen.

Vielleicht haben Sie etwas in einer hoch emotionalen Phase entschieden oder waren in Sektlaune.

Wie oft entscheiden wir etwas, um einen anderen nicht zu enttäuschen oder zu verletzen?
Wie oft entscheiden wir gegen uns und unsere Überzeugungen?

Passiert es uns nicht auch, dass wir etwas entscheiden, um anderen zu gefallen, um Ärger zu vermeiden, um unsere Ruhe zu haben, um unsere  Position zu sichern, um loyal bleiben zu können?

Auch demokratische Entscheidungen können auf Motivirrtümern basieren.
Beim Motivirrtum irrt der Erklärende über das Motiv zur Abgabe seiner Willenserklärung. 

Ich denke also bin ich ist manchml eine Schimäre. Lass ma Kopf ins Herz rutschen, ruft der sanfte Rebell in mir.

Wer mit 19 kein Revolutionär ist, hat kein Herz, soll Theodor Fontane gesagt haben und weiter, wer mit 40 immer noch Revolutionär ist, der hat keinen Verstand.
Manche Überzeugung, die wir mit neunzehn hatten, treibt Jahrzehnte später prachtvolle Blüten der Erkenntnis. In der Zeit dazwischen haben wir uns viele blaue Flecken geholt und uns auf Umwegen umgesehen oder wir sind brav auf einem Weg der Langeweile und Angepasstheit geblieben.

Der Verstand ist uns gegeben, damit wir etwas verstehen und nüchtern und vernünftig vorgehen. Er ist ein Werkzeug! Mehr nicht.

Man sieht nur mit dem Herzen gut.
Was für ein Kitsch, dachte ich.
Wissenschaft, Fakten, das was wir sehen und messen können ist relevant, hat Evidenz. Alles andere ist spiritueller Bullshit.

Das Leben hat mich belehrt, und zwar sehr schmerzhaft.

Für uns alle, vor allem aber für die, die nach uns kommen, wird es noch schmerzhafter, wenn wir meinen, dass wir einfach so weitermachen können wir immer, wenn wir gegen unsere Natur entscheiden, gegen das, was uns am Herzen liegt. Und wenn wir meinen, bei einmal gefassten Entscheidungen und Meinungen bleiben zu müssen.

Wir alle sind die Natur, die Welt in der wir leben. Wir stehen nicht darüber!
Wir alle sind die Flüsse, die begradigt werden, damit Kähne besser und schneller Güter transportieren können. Wir alle sind die Wälder, die gerodet werden, damit neue Produktionsstätten entstehen können.

Wir alle sind die Tiere in der Massentierhaltung. Wir sind alles in allem!

Sie kennen den Spruch. Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet Ihr merken, dass man Geld nicht essen kann, werden wir merken, dass wir einem Motivirrtum auf den Leim gegangen sind und jede Verhältnismäßigkeit aus den Augen verloren haben.

Love is the answer? Je älter ich werde, desto mehr ahne ich, dass das wahr sein könnte.






2 Kommentare zu „Motivirrtum

  1. Wenn ich wütend bin, entscheide ich nichts, schreibe auch keine Mails oder Briefe. Erst mal eine Nacht schlafen – mit der Bitte um Führung. Am nächsten Tag, wenn das Ego sich beruhigt hat, liegen die Dinge meist klarer und ich kann abwägen.

    Das Alter, Herz & Revolution, den Spruch kenne ich auch. In meiner Seele (Jg. 62) schlagen heute zwei Herzen, eines weiß um die wirtschaftlichen Zusammenhänge, um den inneren Frieden eines Staates, der zuerst vom allgemeinen Auskommen abhängt. Die andere Seite weiß um die Bäume und ihren Stellenwert für uns alle, es ist sehr schwer, zu entscheiden. Meinen Respekt haben die „Baumbesetzer“, auf jeden Fall.

    Liebe Grüße!

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    1. Danke, dass du dir Zeit für diesen Kommentar genommen hast. Zwei Herzen in der Brust, auch immer schon ein Dilemma von höherem Schwierigkeitsgrad 😉
      Und Respekt und Sympathie sind gute Voraussetzungen, so was wie einen ähnlichen Beat zu entwickeln…
      Beste Grüße, die ewige Idealistin

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