Ein Weg

Kennen Sie das? Sie sitzen rum. Oder Sie gehen. Oder Sie stehen einfach da, auf der Hundewiese zum Beispiel und warten, dass Ihr Hund seinen Haufen ins Gras setzt.

Oder Sie lesen einen Satz oder tun irgendetwas, das getan werden muss. Bügeln, Staubsaugen, Fegen, Putzen.

Und in einer solchen oder ähnlich profanen Situation passiert Ihnen folgendes:

Sie bekommen eine Gänsehaut, die sich vom Nacken über den Rücken zieht. Sie haben das Gefühl, dass Sie ein zarter Sprühnebel umgibt. Sie wissen nicht, was es ist und es ist Ihnen auch nicht wichtig, Begriffe für das zu finden, was gerade geschieht. Es ist Jetzt.

Ihnen wird warm und gleichzeitig schalten Hundertschaften von Schmetterlingen in Ihrem Bauch in den Turbo. Tausende PS Kraft in Ihrer Mitte.

Die Tränenkanäle füllen sich und noch bevor ihr Nachdenken einsetzen kann und sich in den Analysestatus beamt, sind Sie da. Voll da. Voll klar. Präsent. Einfach so. Sie, das Wesen, das in diesem kurzen Augenblick weder einen Namen hat, geschweige denn weiß, wie alt es eigentlich ist.

Sie erkennen in diesem Moment, dass Sie schon lange auf dem Weg sind, den sie immer noch zu suchen meinten. Sie sehen, dass all die spitzen Stolpersteine, die sich in Ihre Fußsohlen gebohrt haben im Rückblick Edelsteine sind.
Sie sind nicht mehr der sporadische Gast Ihrer selbst, Sie sind gekommen, um zu bleiben.
Platt gesagt, Sie kommen! Seelenorgasmus. Verschmelzung.

Der Moment ist flüchtig, Sie nehmen es hin. Ohne Bedauern. Es macht nichts. Sie sind voll fett im Leben. Und zwar in Ihrem.
Es ist Ihnen nicht mehr wichtig, was andere sagen, denken, tun oder unterlassen. Es ist unwesentlich. Wesentlich ist dieser Moment. Er erfüllt eine tiefe Sehnsucht.

Wenn Sie wissen, was ich meine, dann lächeln Sie jetzt.

Lange dachte ich, Sehnsucht zu haben ist gleichbedeutend mit Schmerz. Wer will das schon? Niemand will, dass es wehtut. Also weg damit. Ablenken, unterdrücken, kompensieren. Durch Anstrengung, Perfektion und Anpassung.

Sehnsucht, die schmerzt, konzentriert sich verkrampft auf Personen und ihr Verhalten, auf Umstände. Es geht um Schuld und Sühne, Gier und Begehrlichkeiten. Vielleicht auch um Macht, Status und Anerkennung. Vielleicht um Mitleid und das Einnehmen einer Opferrolle. Es geht um das Erjagen von Likes. Jedes Gefällt mir ist für die Sehnsucht das, was das Leckerli für den Hund ist. Für einen verfressenen, gierigen Hund jedenfalls.

Meine Sehnsucht ist immer noch da. Aber sie stöckelt nicht mehr in unbequemen Schuhen und Schutzkleidung zertreut durch die Gegend, ohne eine Miene zu verziehen.
Meine Sehnsucht trägt Hoodie und Sneaker; sie lächelt, sie weint, sie schaut, sie fühlt.

Das ist es, was ich heute mit Ihnen teilen möchte.
Einen kurzen Moment Wesentliches, erlebt beim „Rumsitzen“* auf ’ner harten Bank.

Ihnen einen schönen Donnerstag.

*Kurz erläutert:
Meditation in unterschiedlichen Formen begleitet mich seit meiner Jugend mal mehr und mal weniger intensiv. Über Religion, Esoterik und schließlich Philosophie bin ich beim Zenbuddhismus gelandet.
Ich bin ewiger Anfänger und werde dies wohl auch bis zu meinem Lebensende bleiben.
Ich „sitze“, meditiere täglich, ein- bis zwei Mal für mindestens 25 Minuten.
Die oben erwähnte harte Bank ist ein Kniebänkchen aus Holz, leicht angeschrägt, das man sich bei der Meditation unter den Allerwertesten schiebt.

Mein Weg. Für die Erleuchtung verlasse ich mich bis auf Weiteres auf die Taschenlampe 😉
Aber eine kleine Dämmerung hier und da ist schon was Feines.

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