Sie sind wieder da

Barbara schreibt ein ganzes Buch darüber, wie einsam sie sich fühlt, seit ihre Kinder ausgezogen sind. Sie berichtet über die Unmengen grüner Smoothies, die sie immer noch jeden Morgen mixt, obwohl niemand mehr da ist, der die Obst-Gemüse-Pampe in großen Mengen durch die jugendlichen Schlünde flutschen lässt.

Was der einen ihr Smoothie ist der anderen ihr Käsekuchen.

Barbara Becker war mal die Frau von Boris Becker, der als Junge Tennis gespielt und später irgendetwas mit Besen gemacht hat. Mit ihm hat sie zwei Söhne.

Barbara ist prominent. Prominenz generiert Follower in den sozialen Medien und hilft vielleicht, ein Buch unter das voyeuristische Volk zu bringen. Prominenz schützt aber nicht vor dem ganz normalen Leben.

Schutz vor dem Leben bietet in letzter Konsequenz der Tod. Wenn Ihnen noch etwas anderes einfällt, dann kommentieren Sie gerne.
Ich freue mich, Sie lebendig an Geist und Fingerfertigkeit zu sehen.  
 
Wer lebt, der schnappt nach dem Ausatmen erneut nach Luft. Wer lebt, traut sich vielleicht sogar lebendig zu sein und Freude und Schmerz im munteren Wechsel der Zeitspannen wie einen unerwarteten Gast zu empfangen.


Zur Gattung der unerwarteten Gäste gehören auch Kinder. Meine jedenfalls. Willkommene Überraschungen intuitiven Lebens. Liebe, ich glaube, man nennt es Liebe.

Potenzen von Lebensintensität, das sind Kinder.

Erster Schrei, es lebt, es atmet aus und, was für ein unendliches Glück, auch wieder ein.
Kind hält Löffel, Kind kann stehen, Kind läuft, liest, rechnet, schreibt und packt sodann seine sieben Sachen, verlässt das Nest, das sich nun empty anfühlt und in Heulerei, mütterlichen Herzschmerz und tägliche Käsekuchenbacksessions mündet.

Zurück bleiben ausgelatschte Basketballschuhe, Tennisschläger mit verschwitzten Tapes, Mathe- und Geschichtsbücher, die ihre Käufer bei eBay finden, weil sie wie neu sind, Benjamin Blümchen Kassetten, Gameboy Spiele, eine Gitarre, das Kleid vom Abiball.

Wie geht es ihnen? Essen sie genug und gesund? Trinken sie nicht zu viel und nicht zu wenig? Sind sie glücklich, und zwar immer? Setzen sie die Mütze auf und machen die Jacke zu, wenn der Wind zur steifen Brise wird? Kriegen sie den Bus? Hoffentlich müssen sie nicht zu Fuß gehen bei diesem Sauwetter! Klappt das mit den Kondomen und der Pille?


Sie antworten nicht auf die WhatsApp, oh mein Gott, es wird doch nichts passiert sein.
Nerv die Kinder nicht, sagt der Vater, die machen das schon.

Wenn was ist, rufen sie an.

Genau. Sie rufen mich an, wenn es um Herzensdinge geht. Und darum geht es doch eigentlich immer.

Es vergehen ein paar turbulente Jahre mit Liebeskummer, vergeigten Klausuren, Zweifeln am gewählten Studienfach und vielen kleinen und großen Wachstumsschmerzen.

Halt dich da raus, sagt der Mann, nur äußerlich cool wie Robert de Niro, bleib ruhig, grenze dich ab, die schaffen das schon, dies müssen sie lernen und das auch.

Und sie lernen viel über sich, andere und das Leben in einer Suppenschüssel.

Ich höre auf, Käsekuchen zu backen, schnüre stattdessen die Laufschuhe, laufe Marathon, schreibe mich an der Uni ein, lerne mich kennen, wundere mich, finde mich, verliere mich wieder und habe das Gefühl, mein eigenes Erwachsenwerden findet erst jetzt statt,  weil ich in all den Jahren meistens damit beschäftigt war, mich darum zu kümmern, dass kleine Menschen zu großen Menschen werden und lernen, wie man den Löffel so hält, dass man von der Suppe, die man sich gekocht hat auch satt wird, bevor man ihn, den Löffel, dann wieder abgibt.

Und just in dem Moment, in dem ich ausatme, um kurz in der Lücke der absoluten Stille und Klarheit zu verharren, mich stimmig mit mir selbst fühle und es mir dämmert, worum es eigentlich geht in diesem Leben, sind sie wieder da.

Inzwischen viel älter als ich es war, als sie in meine Welt kamen!
Sie sind da und fragen, ob wir eine Weile das alte Nest teilen können. Weil dies und das passiert ist. Weil das Leben stattfindet. Und weil es ist wie es ist.

Sie sind wieder da.
Und ich hüte in mir das warme Feuer der Freude darüber, wie gut sie ihre Löffel halten, wie gerade sie stehen und wie mutig sie sich fallen lassen und nach einem Sturz wieder aufstehen, das Haupt heben und die Krone richten.

Vielleicht, sagen sie, vielleicht gründen sie in ein paar Jahren eine eigene Familie, werden eigene Kinder bekommen, wenn es so sein soll wird es so sein.

Wenn der auftaucht, dessen Werte von Liebe und Familie mit ihren übereinstimmen.
Weil sie es schön finden, eine Familie zu haben, die immer für sie da ist. In Liebe, in guten wie in schlechten Zeiten.

Sie sind wieder da. Wir teilen, was teilbar ist. Und wenn sie in ein paar Wochen wieder gehen und sich ihre eigenen Nester wieder eingerichtet haben, dann werde ich erneut erkennen, wie viel Weisheit in einem Käsekuchen steckt.

Ich werde kein Buch schreiben. Denn ich bin weder Barbara noch prominent und darüber sehr froh. Ich mache einfach irgendwas mit Besen.

😉

2 Kommentare zu „Sie sind wieder da

    1. Guten Tag lieber Reiner,

      gerade komme ich auf meinem Besen zurück zur Basis und lese deinen schönen Kommentar 🙂
      Danke dir und wünsche einen wunderbaren Nachmittag. Möge er an Wichtigkeit alle anderen in den Schatten stellen 😉

      Gefällt 1 Person

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