Unter uns

Oben links in der Ecke tanzen Spinnweben im leichten Hauch der Heizungsluft. Sie erinnern mich an Lianen, die von riesigen Urwalbäumen baumeln.
Unten rechts, am Saum des Vorhangs kleben schwarze Hundehaare an heller Baumwolle. Sie sauber voneinader zu trennen, nachhaltig, für immer, liegt außerhalb meiner gedanklichen Reichweite.

Ein perfekt gepflegtes Haus ist das Indiz eines vergeudeten Lebens, stellte Mary Randolph Carter schon 1824 fest. Frau Carter war die Autorin von The Virginia House-Wife, einem der einflussreichsten Haushaltungs- und Kochbücher des neunzehnten Jahrhunderts.

Sie wusste es. Ich weiß es auch. Putzen im Übermaß, mit dem Ziel, Perfektion und Bakterienfreiheit zu erreichen, taugt bestenfalls als Übung dafür, im Hier und Jetzt zu sein. Ich bügle also bin ich, ich wische in der Gegenwart, dass ich gestern wischte gehört der Vergangenheit an, das morgige Wischen liegt in der Zukunft und ist darüberhinaus ungewiss. Wir kommen nicht drumherum, den gröbsten Unrat unterzufeudeln. Klar. Niemand möchte im Dreck ersticken. Das wäre wirklich ein übler Abgang.

Die Dosis macht’s bekanntlich.

Und Ein Gramm Gehirn ersetzt 100 Liter Desinfektionsmittel. Das gilt nicht nur für das Verhalten in Coronazeiten, sondern auch für die Reinlichkeitspossen in Superlative, die wir täglich zum Besten geben.

Die Fensterscheibe vor mir. Ein Stillleben längst verdunsteter Regentropfen und dahinter, über den Rand des Notebooks hinaus, draußen im Garten, ungezügelter Wildwuchs. Kraut. Unkraut?

Warum sagen wir Unkraut?  
Was unterscheidet ein Kraut von einem Unkraut? Ist es unverschämt und unerwünscht, weil es an Stellen wächst, an denen es nicht zu wachsen hat?

Ist es deshalb unerlässlich, dass wir es entfernen, weil wir diese grüne Autonomie unästhetisch oder unerträglich finden? Weil wir vielleicht ahnen, dass dieses sprießende, kletternde, wuchernde Grün unverwüstlich ist? Unverwüstlicher als wir?

Wir entscheiden, was wachsen darf und was nicht. Wir rupfen, glätten, rasieren und färben uns das schön, was uns unschön erscheint. Haare, Dellen, Falten, Pickel müssen weg. Gras auch, wenn es dort wächst, wo wir es nicht haben wollen. Da wächst dann kein Gras mehr. Das haben wir dann im Griff. Jawoll.

Unbehagliches Unwohlsein versagt uns die Unbeschwertheit, wenn wir uns von dem Bild entfernen, das wir uns von uns und der Umwelt machen. Zu viel Abweichung von der Norm beschert uns Unordnung und Unruhe. Umwelt? Warum Um? Wir sind mitten drin in der Welt. Nix mit Umwelt. Nix mit Trennung. Eine Welt.

Perfektion ist unser Anspruch. Was perfekt ist gibt uns das Gefühl, sicher zu sein.
Kein Kraut, kein Weben, kein Staub soll unser Leben erschüttern, sonst werden wir unwirsch. Statt Danke sagen wir salopp: Perfekt! Unwahrscheinlich unwirklich.

Und unglaublich unentspannt. Kann es sein, dass diese viel zu vielen „uns“ in unserer Sprache Synonyme für die grauen Kiesel- und Betonsteine sind, mit denen wir Gärten und Kräutern ihre Lebendigkeit nehmen? Und uns gleich mit?

Wir kommen jeden Tag unseres Lebens dem Humus näher.

Ist es schlüssig, Humus abzutragen, durch Fegen und Saugen und die übertriebene Perfektion? Legen wir deshalb Vlies und Folie über die Erde und verdichten das Ganze mit Steinen so, dass weder Kraut von unten noch Wasser von oben einen Weg finden, weil tief in uns die Angst sitzt, weil wir wissen, dass wir vergänglich sind wie der Dreck, gegen den wir so hart kämpfen, um uns zeitgleich mit anderem Müll zuzuschütten?

Humus ist die Schicht, in dem das Werden, Sein und Vergehen stattfindet. Das Leben und der Tod treiben hier ihre Blüten.
Und wenn wir diesen Humus mehr hegen und pflegen würden, anstatt zu betonieren?
Was, wenn wir mit Humor, heiterer Gelassenheit und Liebe unser Leben schmückten?
Wenn wir dankbar darüber wären, dass wir sind, würden wir dann weniger das putzen müssen, was wir haben? Hätten wir dann weniger? Und wäre dann das Weniger Mehr? Humus? Humor? Human?


Das war, wie sollte es an einem Mittwoch anders sein, voll aus der Mitte und ganz und gar aus einer wildwüchsigen Herzregion.

Unverblümt, krautig und immer wieder fasziniert von der Feinheit und Schönheit eines Spinnennetzes verbleibe ich für heute mit allerbesten Grüßen und entschwinde für eine Weile wie Staub im Wind.

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