Der Täter mit der Axt

Angesichts der Überschrift erwarten Sie jetzt verständlicherweise die Beschreibung eines Falles, in dem es um blutige Angelegenheiten wie Mord oder Totschlag oder zumindest schwere Körperverletzung geht.

Mitnichten.

So abgrundtief böse geht es trotz des Eindruckes kopf- und herzloser Sperenzien im Allgemeinen und im Speziellen an dieser Stelle nicht zu.

Sie fragen sich, worauf ich mit meiner kryptischen Metapher hinauswill?

Wenn Sie noch nie in einer Situation waren, in der Sie das dringende Bedürfnis hatten, jemanden an einer körperlich empfindlichen Stelle kraftvoll touchieren zu müssen, weil er oder sie Sie tief verletzt und enttäuscht hat, dann hören Sie an dieser Stelle auf zu lesen.

Vielleicht setzen Sie sich stattdessen lieber auf einen Stuhl, richten Ihren Blick auf das Bild an der Wand gegenüber, lassen seine Farben und Motive auf sich wirken, nehmen wahr, dass es ein wenig schief hängt, stehen auf, um es geradezurücken, schalten den Fernseher ein und machen einfach weiter wie gehabt.

Vielen Menschen macht es Freude, ein längst totes Pferd zu reiten, sie stören sich nicht am Verwesungsgeruch und auch nicht daran, dass das Sitzen auf einem Gerippe unbequem ist. Sie reiten, weil sie reiten wollen und weil sie schon lange nicht mehr unterscheiden können, ob sie Reiter oder stinkendes Pferdegerippe sind.

Anders gesagt: Dünne Brettchen bohren sich leichter als dicke.

Wenn Sie sich hingegen schon mal eine blutige Nase, ein zerfetztes Herz, eine geschredderte Seele geholt haben, auf die Schnauze gefallen sind, verlassen, betrogen, gemobbt, verleumdet, beleidigt, gedemütigt oder belogen wurden, und wenn Sie sich an den Schritt erinnern, den Sie eines Tages gemacht haben, um einen neuen Weg zu beschreiten, dann spüren Sie jetzt genau, was ich meine, wenn ich von Wunden und Verletzungen spreche, von Aufbruch und Heilung.

Dann gehören Sie vielleicht zu den Menschen, die ahnen, was es mit Ursache und Wirkung, Kausalität, Karma auf sich haben könnte.

Dann ist Ihnen vielleicht schon so schlecht von der ständigen Brummkreiselei in Ihrem Kopf, dass Sie innehalten wollen, anhalten, ruhig werden, still werden möchten und sonst nichts mehr.

Vielleicht sind sie dann bereit anzuerkennen, dass jedem Hieb mit der Axt eine Ursache vorausgeht, die mit Ihnen zu tun hat.

Aber, werden Sie jetzt einwerfen, es gibt doch diese echten Arschlöcher und Arschlöcherinnen auf der Welt.
Warum treffe ich die? Warum bin ich immer das Opfer, wo ich doch so ein freundlicher und netter Mensch bin? Ja, wir sind Menschen und wir werden von anderen Menschen und ihrem Verhalten verletzt.

Das tut weh. Sehr sogar. Denn unsere Hoffnungen und Vorstellungen gehen flöten.
Aber auch, weil wir Verletzlichkeit für etwas halten, dass unter allen Umständen vermieden werden muss. Weil wir meinen, dass Sehnsucht nur von außen zu erfüllen ist.
Das Gegenteil ist der Fall.

Vor einer großen Verletzung gab es meistens schon viele kleine, die wir übergangen sind. Wir haben sie ausgeblendet, nicht wahrhaben wollen, verdrängt. Wir haben uns tapfer ins eigene Fleisch geschnitten.
Statt loszulassen haben wir gekämpft und sehnsüchtig auf Erfüllung unserer Wünsche gehofft.
Vielleicht wollten wir einfach haben, besitzen, statt zu sein und sein zu lassen, was irrgendwie nicht sein konnte.

Meine tiefsten Axtschläge erhielt ich immer dann, wenn ich nicht auf meine Intuition hörte, auf der Suche nach Ersatzbefriedigung oder auf der Flucht war, den Kopf voran, immer mutig gegen die Wand, irgendwann würde der Kopf den Beton durchdringen. Dachte ich.

Immer dann, wenn ich mich von meinem wirklichen Wesen entfernte, es verriet, bloßstellte und anders sein wollte als ich nun mal bin, bekam ich aufs Maul, in die Magenkuhle, ins Herzzentrum. Verwesung eben.

Immer dann, wenn ich mich am BlinkBlink und Glitzer anderer Meinungen und einer Überdosis angeblich zu erfüllenden Erwartungen besoff, kreiste die Axt. Immer, wirklich immer, wenn ich Macht, Kontrolle und Manipulation einsetzte, erntete ich mehr oder weniger massive Schläge.

Gier, Hass und Verblendung sind die Axtschläge.

Ich habe lange gebraucht, um das zu begreifen!

Corona und seine Folgen, die Reduzierung der Ablenkungsmöglichkeiten, das Erkennen, wer wirklich Freund ist, der Mut, hinzuschauen, was da im Innen los ist und das Schauen, welcher Weg der richtige für mich ist, haben mir Klarheit geschenkt.

Und last but not least erfuhr ich heilsame Unterstützung, mit der ich nicht gerechnet hatte. Ein ewiger Kreis. Karma? Karma.

Es ist nicht einfach, den Weg nach innen zu beschreiten und zu schauen, was eigentlich von einem übrig bleibt, wenn man „all die Bilder, die Gefühle und das Geplapper“ im Außen lässt. Das ist nicht Ohne, das macht erstmal Angst. Die Angst vorm Fliegen ist die Angst vor dem Absturz ins Nichts.

Auch dieser Weg ist mit Schmerz und Anstrengung verbunden.

Das Leben ist das Leben. Und dagegen werden wir nicht immun. Und das ist gut so.
Ein Leben in Liebe, mit Offenheit, indem wir das Gegenüber aushalten anstatt es zu definieren, verhindert nicht die Axtschläge, aber es gibt uns die Kraft, den Schlag abzumildern, ihm die Schärfe zu nehmen.

Bedauerlich ist es zuweilen dennoch, dass man respektloses und gemeines Verhalten leider nicht strafrechtlich verfolgen kann.
Diesen Satz denken Sie sich jetzt bitte als durchgestrichen. Ich lasse ihn nur stehen, weil wir natürlich alle so oder so ähnlich denken und fühlen, wenn uns jemand mit seinem Verhalten zutiefst erschüttert und uns den Boden unter den Füßen wegzuziehen droht.

Wir sind Menschen. Und wenn andere Menschen das Ass der Gemeinheit ziehen, dann sticht das unser Herz massiv.

Manche Menschen gehen dann los, andere verweilen in ihrem Leid und verlieren das Vertrauen in sich und das Leben, das Mantra des Nie wieder auf den Lippen.
Manche tauchen tief oder suchen ein Licht am Ende des Tunnels, andere sitzen lebenslang in ihrer Höhle und leben ihr Leben als Schattenspiel.

Wenn wir wachsen wollen, dann bringt das Wachstumsschmerzen mit sich.
Aber ich wünsche Ihnen und uns allen, dass die Axt ein Werkzeug zum Holzhacken bleibt und dass aus Tätern und Opfern immer mehr Menschen werden, die sich mit Respekt und Wohlwollen, mit Güte und einer liebevollen Haltung begegnen.


Das wär’s für heute von mir aus der Idealisten Kiste.

Fühlen Sie sich umarmt! Das meine ich wirklich so.



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