Ey les mir ma vor, nackt!

In dieser Woche, genauer gesagt gestern, war der Tag des Ehrenamtes.
Ich überlege schon seit geraumer Zeit, ob ich mich für ein Ehrenamt eigne.
Aber wo könnte ich mich ehrenhalber einbringen? Die Freiwillige Feuerwehr ist mir zu heiß und für die Arbeit im Hospiz bin ich zu zart besaitet.

Außerdem, mal ganz ehrlich und unter uns, wieviel Wertschätzung erfährt eine Gratisleistung?

Zum Glück kann ich fast nichts, außer Lesen und Schreiben. Aber immerhin kann ich es offenbar besser als viele andere.

Denn, Eiderdaus, man höre und komme aus dem Staunen nicht mehr heraus, Pisa, nicht die Stadt mit dem Turm, sondern die Studie zeigt an, dass unsere Zukunft in Sachen Lesen, Schreiben und Rechnen ein düsteres Szenario heraufbeschwört.

Unseren wackeren bayrischen, baden-württembergischen und sächsischen Mitstreitern ist es zu verdanken, dass ein stockfinsterer Bildungsuntergang am zarten Licht hoffnungsvoller Bildungsmittelmäßigkeit scheitert.

Immer weniger Kinder und Jugendliche können lesen und schreiben. Stattdessen rechnen sie aber mit der Wahrscheinlichkeit, Influencer, Gamer oder YouTuber zu werden oder vertrauen derart auf ihren A Star is Born Status, dass sie sich bekifft noch in der Lage sehen, den Personalchef derart zu überzeugen, dass er ihnen direkt die Geschäftsführerposition andient.
Alternativ ist es ihnen scheiß egal, denn es passiert ja nichts, was ihnen Unannehmlichkeiten bereiten könnte.
Und wenn, dann findet sich bestimmt ein Anwalt, der die Dinge regelt. Papa, Onkel oder Cousin werden es schon richten.
Man fällt gemeinhin sehr weich und sehr warm, selbst in den misslichsten Lebenssituationen.
Und Sozialarbeiter soll sich kümmern, Alter ey!

In bildungspolitischen Kreisen brabbelt man sich alle Jahre wieder die möglichen Ursachen für das Dilemma in die langen Bärte.

Eine besonders pfiffige Studienrätin ließ jetzt die Katze aus dem Sack.

Quereinsteiger, also Fachkräfte anderer Berufe, denen lediglich die 2 Semesterwochenstunden Pädagogik fehlen, die Gymnasiallehrer in den mutigen Zustand versetzen, sich überhaupt als Pädagogen bezeichnen zu dürfen, tragen zum Versagen der Schüler erheblich bei, da sie nun mal nicht über die entsprechende Ausbildung verfügen, um Grundschülern Lesen und Schreiben beizubringen. Hört, hört!

Ausgebildeten Erziehungswissenschaftlern, Diplomierten Pädagogen, also Menschen, die sich fünf Jahre oder länger mit Erziehung, Lehre und Bildung auseinandergesetzt haben, und zwar in Theorie und Praxis, wird der Zugang zum Lehrerberuf wenn nicht schwer, so noch schwerer gemacht.
Ja es ist im Grunde unmöglich, als Pädagoge Lehrer zu werden!
Warum? Klar. Das fachliche Wissen fehlt.

Und umgekehrt, wenn man Mathe, Philosophie, Germanistik oder Jura studiert hat, dann wird einem gesagt, man wäre nicht in der Lage, Fachwissen zu vermitteln und könne deshalb leider nicht dafür berücksichtigt werden, für einen Hungerlohn als Lehrer arbeiten zu dürfen.

Und hier kommt dann wieder das Ehrenamt ins Spiel!
Entschuldigen Sie bitte, mea culpa. Mein Zynismus ist schlimm. Und zur Strafe werde ich bestimmt ganz fiele Kommas falsch gesetzt haben oder noch falscher setzen werden müsen und noch fiel mär Rechtschreibefeler machen tun. Oder so.

Zurück zu meinen Ambitionen, mich angesichts der angespannten Bildungssituation mit meinen Fähigkeiten ehrenamtlich einzubringen.
Sie sind weg. Erloschen. Wahrscheinlich für immer.
Sie fragen warum?

Ich bot meine ehrenamtlichen, privaten Dienste unter dem Stichwort Lesepate, Unterstützung beim Lesen, Ehrenamt an und konnte mich vor Klicks kaum retten. Klar, zu finden war meine Annonce unter Verschenken/Tauschen.
Was dann kam, war ernüchternd und mir fiel der Spruch ein Wenn man dir den kleinen Finger gibt, dann nimmst du gleich die ganze Hand.

Hallo, ey lest du mir ma vor? Ey, was is? antworte ma.
Könn sie putzen?


Das sind die harmlosen Reaktionen. Nur so viel: als ehrenamtlicher Escortservice oder nackte Vorleserin hätte mir eine steile Karriere im Feld des Ehrenamtes bevorgestanden.
Hut ab vor allen Lehrern, die in Schulen à la fuck ju Göte unterrichten.
Alle Achtung vor Menschen, die andere pflegen, was ganz oft heißt, so richtig in die Scheiße zu fassen.
Respekt vor den Menschen, die sich um Sicherheit, Sauberkeit und Ordnung kümmern.
Und last but not least denen, die aus voller Überzeugung ehrenamtlich arbeiten können.

Sie alle haben einen großen Anteil daran, das wir ein funktionierendes soziales Gerüst haben.
Der Blick darauf sollte geschärft und angemessen bewertet werden.

Man kann nur dann sozial handeln, wenn man seine Kapazitäten vernünftig einsetzt. Das heißt fair und zukunftsgerichtet.
Wer meint, er muss auf Biegen und Brechen dafür sorgen, dass es allen immer gut geht, der handelt in hohem Maße asozial, denn er vergisst die, die jetzt ihren Einsatz und ihre Kraft zur Verfügung stellen und deren soziales Auskommen zukünftig ebenfalls gesichert sein muss.

Und was war sonst noch los in dieser Woche in der Provinz? Wenig bis gar nichts.
Es ist trübe, der Regen nieselt vor sich hin, der Ostwestfale sowieso und Stürme ereignen sich vielleicht für Herrn Trump, natürlich nicht jetzt, erst viel später und wenn überhaupt wird er seines Amtes enthoben werden können.
Schön wäre es, wenn man mit ihm weltweit auch gleich die anderen Oberhalunken entfernen könnte.
Bis es soweit ist, halte ich mich an Dieter Nuhr, der nicht darin nachlässt die These zu vertreten, dass es uns noch nie so gut ging wie heute, und zwar weltweit.
Und wer Factfullness *gelesen hat kann nachvollziehen, dass diese These untermauert werden kann.

Ich meckere also mal wieder vom ganz hohen Ross herunter. Aber irgendjemand muss es ja machen, ehrenamtlich, in der Provinz.

*Dieser Artikel enthält unbezahlte Werbung.



Den Hut in den Ring werfen

Die politische Gefahr meiner Kindheit und Jugend drohte stets von links. Mein Opa sah ständig den Russen vor der Tür stehen und die SPD war ein rotes Tuch.

Politisch rot zu sein war ein absolutes NoGo, gefährlich oder zumindest verpönt.
Sicherheit und Ordnung, Wachstum und Wohlstand, das waren die erklärten Ziele, an die ich mich gut erinnere. Mir und meinen Geschwistern, unserer Generation sollte es einmal besser gehen als unseren Eltern und Großeltern.

Als ich mich Anfang der 80er Jahre in geradezu visionärer Friday-for-Future-Manier für die Grünen entschied, grün war noch roter als rot, wollte mein Vater mich nach Drüben, also die damalige DDR abschieben lassen, damit ich mal sehe, wohin man kommt, wenn man sich kommunistischen und sozialistischen Ideen öffnet.

Angesichts der Entwicklung, die die Grünen hingelegt haben, ist es irgendwie sogar lustig.
Wer hätte gedacht, dass aus diesen linken Revoluzzern und kriegsverweigernden Späthippies mal eine Partei für gutverdienende Akademiker wird, die mit ihren SUV den Biomarktparkplatz verstopfen?

War die angeblich linke Gefahr meiner Kindheit größer als die derzeitigen politischen Zustände? Irgendwie nicht.
Die politische Landschaft hat sich in für mich unübersichtlicher Weise verschoben. Nach links und nach rechts, der Rest eine wabbelige Schleimmasse, konturenlos und labberig.

Typen wie Willy Brandt, Herbert Werner und Helmut Schmidt nahmen ihren politischen Auftrag ernst und hatten dieses Etwas, dass ich nicht nur in der Politik schmerzlich vermisse: Charisma und – sorry – den Arsch in der Hose!

Unbestritten ging und geht es immer auch um persönliche Eitelkeiten, Macht und Führungsansprüche, die durchgesetzt werden wollen. Wie überall.
Aber genau das ist es, was aktuell in allen demokratischen Parteien fehlt.
Führung im besten Sinne, das heißt mit großem Verantwortungsbewusstsein, mit Klarheit, Beharrlichkeit, Weitblick und Engagement.

Wo sind die Frauen und Männer, die über Wissen und Weisheit verfügen? Menschen, die sich trauen und denen man vertrauen kann? Ich habe eine große Sehnsucht nach klugen Köpfen.

Führungsschwäche wird selten verziehen und hat oft verheerende Folgen. In der Politik, in der Wirtschaft und auch im Privatleben.
Gib deine Ziele anheim, gib deine Würde ab, vergiss deine Werte und deine Stärke. Und schwupp ist die Bühne jedem Vollpfosten und Psychopathen freigegeben, der dich und den Rest der Welt mit seiner Propaganda und seinen dreckigen Parolen besudelt.

Die lange und wechselvolle Geschichte der SPD ist hinlänglich bekannt. Die SPD war eine Partei, ohne die wichtige soziale Errungenschaften sich nicht hätten durchsetzen können.
Dass eine Partei wie die SPD eine wichtige Partei für eine gesunde Demokratie ist, ist eine Binsenweisheit. Und jetzt kommt es mir so vor, als hätte sie sich bewusst für ein führungsloses Dasein entschieden.

Auch heute, knapp fünfzig Jahre nach Werner Höfers Frühschoppen, bin ich kein politischer Mensch. Ich weiß viel zu wenig, als dass ich mich seriös äußern könnte.
Und ich mache es mir bestimmt auch viel zu einfach wenn ich politisches Handeln herunterbreche oder vergleiche mit zwischenmenschlichem und gesellschaftlichem Verhalten.

Aber Intoleranz, Inhumanität, Kurzsichtigkeit und Ungleichgewichte führen dazu, dass Extremen Tür und Tor geöffnet werden. Das darf einfach nicht passieren!

Ich dachte bei politischen Wahlen oft, wie schön es doch wäre, wenn sich alle Parteien an einen Tisch setzten und die Probleme und Herausforderungen dieser Welt mit einem Superkompromiss zu lösen wüssten. Naivität auf nicht zu toppendem Niveau. Ich weiß. Ich wäre ein lausiger Politiker.

Inzwischen würde sogar mein Opa erkennen, dass die Gefahr sich ganz anders entwickelte, als er es Anfang der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts vorauszusehen glaubte.
„Es war doch nicht alles schlecht, damals.“

Doch. Unrecht kann das Recht nicht brechen.
Und Extremismus kann dem Recht nicht standhalten.

Den Begriff rechtschaffen fand ich immer ziemlich bieder und spießig. Aber irgendwie trifft er vielleicht das, was wir im Moment ganz gut gebrauchen könnten. Rechtschaffene, die ihren Hut in den Ring werfen.

















Warum ich nicht jeden Tag was Neues mache

Vor mir liegen die mürben Reste eines Zollstockes. Die Papierfetzen meiner eigenen Grabrede ruhen ganz oben auf dem vollen Papierkorb, der neben meinem Schreibtisch überquillt. Eigentlich müsste ich ihn dringend rausbringen, staubsaugen und die Wäschekörbe leeren.

Es kann gut sein, dass sich auf dem Grund der Körbe noch zerknitterte Klamotten aus den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts befinden.

Schaffen Sie es, Ihre Wäschekörbe immer ganz zu leeren?
Ist Ihr Haushalt tip top? Glückwunsch. Sie haben Ihr Leben im Griff oder eine Haushaltshilfe im Budget oder keinen Wachhund der einen Einsatz solcher Hilfskraft vehement zu verhindert weiß.

Nein. Moment. Wenn Sie so jemand sind, dann sind Sie jetzt nicht hier und lesen diesen Blog.

Wenn Sie diesen Blog lesen, dann kennen Sie bestimmt die Farbe Ihrer Persönlichkeit und lassen Wäsche Wäsche und Staub Staub sein.

Meine ist übrigens grün. Nein, nicht die Wäsche, zum Glück auch nicht der Staub, sondern meine Persönlichkeitsstruktur.

Grün ist die Farbe der Menschen, die andere so gut wie gar nicht stressen, weil sie quasi angenehm unauffällig und hoch kooperativ, feinsinnig und rücksichtsvoll durch ihr Leben schleichen.

Ihre Dominanz im Sinne von Durchsetzungskraft ist unterdurchschnittlich ausgeprägt.
Sie sind gewissenhaft, still und stetig. Teamarbeit geht ihnen auf die Nerven, oberflächliches Smallgetalke verursacht ihnen Migräne und Menschen, die laut, überheblich und arrogant sind fördern ihr Bedürfnis sich zu übergeben.

Sie können sich stundenlang allein beschäftigen mit lesen, lesen, lesen, musizieren, philosophieren, schreiben, vielleicht mal ein aufregendes Puzzle zur Entspannung.

Es mangelt diesen grünen Typen massiv an Durchsetzungsstärke. Beharrlich und gewissenhaft gehen sie den Dingen so lange und so gründlich nach, bis sie längst von all den extravertierten roten und blauen und gelben Persönlichkeiten überholt worden sind.

Ich bin also grün. Na schön.

Sie brauchen mehr Mut, sagt mir der Mann in dem Video. Wagen Sie etwas, tun sie jeden Tag etwas Neues, ermuntert er mich und fordert dazu auf, sich mittels eines Zollstockes bewusst zu machen, wieviel Lebenszeit bereits verstrichen ist und was noch übrig bleibt.

Jeden Tag etwas Neues? Der spinnt doch. Das ist viel zu viel. Außerdem putze ich mir die Zähne ab und zu mit links obwohl ich Rechtshänder bin.
Und ich gehe auch jeden zweiten Tag eine andere Runde mit dem Hund.
Außerdem bin ich dazu übergegangen, meine durchweg schwarze Kleidung mit dunkelblau, dunkelgrün und – Achtung – pink und rot zu erfrischen!

Das muss reichen!

Gehen Sie von einer Lebenserwartung von durchschnittlich 80 Jahren aus, tönt mir der erfahrene Online-Coach entgegen.

Ich breche den Stab und jage mir prompt einen Splitter in den Mittelfinger, was, wenn sich daraus eine Sepsis ergeben sollte, meine Lebenserwartung noch einmal um etliche Zentimeter dezimieren dürfte.

Jetzt brechen Sie noch mal 10 Zentimeter ab. Ich breche 12,5 ab, wegen der drohenden Blutvergiftung.
Das sei die Zeit, in der ich möglicherweise nicht mehr fit sei. Was bleibt Ihnen noch?
Haben Sie jetzt noch Zeit zu vergeuden
? droht es mir entgegen.

Er schlägt mir angesichts meines nahenden Todes vor, mit mir gemeinsam in den kommenden 99 Wochen (Alter, das sind zwei Jahre!) meine Persönlichkeit so zu entwickeln und zu formen, dass sich in kürzester Zeit mein Leben in eine glückliche, weil aktivere und extravertiertere und erfolgreiche Variante verändern wird.

Puh. Hört sich so an, als müsse ich meine Komfortzone verlassen.
Verlassen Sie Ihre Komfortzone, jauchzt mir der Mentaltrainer zu.

Mein Blick wandert zu den Wäschekörben und den darin vermutlich noch schlummernden Kleidern aus den vergangenen knapp vierzig Jahren.

Genauso retro erscheinen mir die Vorschläge des Coaches zu sein. Okay. Er sprach davon, dass er mehr als 30 Jahre im Geschäft sei und nunmehr all seine unschätzbar wertvollen Erkenntnisse zu einem ganz besonderen Coachingpaket zu einem absoluten Black-Friday-Schnäppchen-Preis zusammengeschnürt habe.

Stellen Sie sich vor, was die Menschen, die an Ihrem Grab stehen über Sie denken und sagen werden, höre ich den Coach weiter fabulieren, sind es genau die Worte, die Sie über sich hören wollen?

Es ist mir vollkommen schnuppe, was Menschen, die mir nicht nahestehen über mich denken. Jetzt und auch in Zukunft und sowieso nach meinem Tod.

Ich solle mich nun mit meiner eigenen Grabrede beschäftigen.
Okay. Das ist schnell gemacht.

Sie war eine grüne Persönlichkeit. Meistens war sie warmherzig und offen unterwegs, am liebstem mit dem Hund im Wald oder im Programmkino oder mit den engsten Familienmitgliedern oder den zwei vorhandenen Freunden in einem schönen Restaurant bei gutem Essen und bestem Wein, wahlweise belgischem Bier.

Wer sie verletzte oder anlog oder übervorteilte, der war raus, und zwar für immer, wo vorher ein warmes Feuer brannte, entstand dann eine eiskalte Aschewüste.

Auf Reisen musste sie sich lange vorbereiten und bekam jedesmal kurz vor Reiseantritt einen Nervenzusammenbruch, weil das Abenteuer zu groß, die Eindrücke zu neu, es zuhause doch am schönsten ist und überhaupt der Hund während ihrer Abwesenheit bestimmt sterben würde.

Eine Handvoll Menschen lagen ihr sehr am Herzen, sie liebte tief und stellte ihre Liebsten und deren Wohlergehen immer an erste Stelle.
Doch sie sorgte auch für sich. Sehr gut sogar und sie machte lebenslang immer das, was sie wollte und was in die jeweilige Lebensphase passte.

Sie war klar im Denken, tief im Fühlen und langsam im Laufen.
Sie interessierte sich für fast alles, außer für Mathe.
Sie war wissensdurstig und auf ihre Art ehrgeizig und sie konnte ungehemmt faul und hedonistisch ihr Dasein verdaddeln. Und das war auch gut so.

Sie liebte Musik von John Miles, Genesis und Aretha Franklin. Pop, Rock und Jazz der 70er und 80er Jahre, wenig Klassik. Sie sang und versuchte lebenslang einigermaßen Klavier zu spielen.

Ihr Humor war oft speziell und nur Insidern zugänglich, manchmal dreckig, versaut und rabenschwarz.
Sie mochte ihr Leben so wie es war, mit allen Höhen und Tiefen.

Man sah es ihr nicht an, aber sie stand total auf Mode. Gerne hätte sie lange Locken statt dünner Spinnwebenhaare gehabt.

Haushalt fand Sie scheiße.
Und den Tod auch.

Stimmung und Setting: Friedwald, Urne, dunkelblau lasiert, Loch unter Buche, Abstand zu den anderen Urnen so groß wie möglich.
Maßvolle Trauer der 7 Anwesenden, Fokus auf gute Erinnerungen, denn ich bin trotz coachbasierter Prognose 105 geworden.
Der Förster liest meine Grabrede, neben ihm sitzt brav sein Dackel.
John Miles „Music“ und Gloria Gaynor „Survive“ lassen mich fliegen.

Na bitte.

Da werde ich jetzt doch nicht anfangen und alles auf den Kopf stellen?
Außer vielleicht die Wäschekörbe.

Aber vorher schmeiße ich die Reste des Zollstocks in den Müll und leere den Papierkorb.
Und dann mache ich mal was ganz Verrücktes:

Kino. Aretha Franklin. Und dazu mitten am Nachmittag einen schönen Grauburgunder!
Auf das Leben ihr Lieben.





Laubgeblase

Sie grüßen freundlich, beherrschen die gängigen Smalltalkthemen und sind einfach nette Mitmenschen.
Und dann kommt der Herbst. Der späte Herbst. Der November. Und er erhellt grausam, was der Sommer verborgen hielt.

Die selben Menschen, die eben noch so sympathisch entspannt waren, Menschen, von denen man glaubte, sie könnten eines fernen Tages möglicherweise zu guten Bekannten, Freunden, ja Seelenverwandten aufsteigen, begehen ein schwerwiegendes Delikt.

Sie setzen den akkubetriebenen Laubbläser in Gang.

Die zarte Pflanze knospender Sympathie kann dem tosenden Tod nicht entrinnen.
Es zieht sie hinfort mit dem niederen, vermodernden Laub, das sich noch einmal empor hebt, dem Laubbläser sei Dank, um sich dann, nur einige Zentimeter weiter dem Verrotten hinzugeben.

Tränen tiefer Enttäuschung laufen mir über die rosigen Wangen. Rotz tropft aus meiner Nase auf den blattfreien Asphalt. Ich schluchze meine Erschütterung hemmungslos aus den Tiefen meiner verletzen Seele heraus. Die Suche nach einem Taschentusch bringt nur eine Hundekottüte zum Vorschein.

Warum?
Mein wütender Verzweiflungsschrei entflieht in das Getöse des heulenden Motors mit der Lizenz zum Pusten.

Black Friday.

Es klingelt. Ein Paket. Für mich. Amazon.

Liebe Christine,
Für dich. Sei nicht mehr traurig! Jetzt hast du auch einen.
In Liebe,

Deine Nachbarn

Ich brauche ein Bier.



Vaidevuodet*


Nein. Niemals. Fakt ist, ich werde nicht über dieses Thema schreiben. Ich will das nicht.

Schlüpfereinlagen zum Auffangen von Lachtröpfchen und Pillen gegen Blähungen, die Kilimandscharo oder so heißen, penetrieren, unterstützt von gleitenden Vaginalcremes die schiefergraue Wattewolke, in die ich mich eingehüllt habe.

Soso, flüstert die grantige Horrorvision und fletscht ihre spitzen Zähne, du willst also nicht. Das wird dir nichts nützen.
Du bist fast 56. Weißt du wie alt das ist? Sehr sehr alt.

Hitzeschauer steigen langsam in mir hoch, ich greife zum Fächer. Die Vision visioniert versiert bis ins Detail und spricht,

Hinter den Punkten eins bis zwanzig auf deiner Löffelliste blinken zwei blaue Haken. Erledige den kläglichen Rest. Kurzfassung für dich, mach und dann stirb einfach.
Dass dein schwindender Humor, dein Gejammer und dein intellektueller und körperlicher Verfall deiner Umgebung auf den Keks gehen, das weißt du ja selbst.

Apropos Keks. Hast du zugenommen?

Mir wird schwindelig. Ich verliere das Bewusstsein.

Als ich wieder aufwache erhellt blendend weißes Botoxlächeln mein abgedunkeltes Dasein.
Ich befinde mich in der Obhut eines anerkannten Schönheitschirurgen.
Neben mir sitzt ein durchtrainierter Empathiegeselle mit freiem Oberkörper und glatt rasierter Brust, der mir einen blubbernden Cocktail mit dem Versprechen reicht, dass es mir gleich sehr viel besser gehen werde, denn das sei Wasser direkt aus dem Jungbrunnen.

Tatsächlich setzt die Wirkung unmittelbar ein. Ich fühle mich wie mit 17.
Der Schönheitsassistent trägt mich auf Händen zu einem großen Spiegel und stellt mich vorsichtig auf die Füße.
Ich sehe mich an. Mein Körper ist schlank, mein Haar ist voll und glänzend, keine Falte, keine Delle. Volle Lippen, große Augen. Am Lid hat es sich ausgeschlupft.
Ich atme tief durch meine korrigierte Nase ein und durch die feuchten, leicht geöffneten Lippen aus.
Jung ich bin und wunderschön.

Und sonst?
Nichts.
Alles wie immer.

Irgendwas macht mir Druck. Ich wache auf. 4:23 h.
Ich wanke durch die Dunkelheit zum Bad, stolpere über eins der 12 Paar Schuhe, die im Weg stehen, fange mich ab, stoße mit dem Ellenbogen gegen den Türrahmen, schreie flüsternd Fuck, erledige, was zu erledigen ist, trete den Rückweg an, schaue, ob der Hund im Körbchen noch atmet, wiederhole die Prüfung beim Ehemann, der kurz darauf schnarchend bestätigt und schlafe irgendwann mit dem Gedanken ein, wie schön es doch ist, unter einer warmen Decke in einem weichen Bett in einem Haus mit Dach zu liegen.

Mein Haus, das ich gebaut habe, mit dem Mann, der mein Mann ist, ein sehr netter Mann, mit dem ich zwei tolle Kinder habe, die sich die gleichen Fragen stellen, die ich mir stelle, die die gleichen Zweifel und Probleme haben, die suchen und finden, gewinnen und verlieren.

Leben heißt Vaidevuodet.
Wir alle sind Phasen und Wechseln unterworfen. Den frühen, den mittleren, den späten und schließlich dem letzten Wechsel von hier nach da.

*Wechseljahre.
Ich wollte nie darüber schreiben.
Oder wollte ich immer mal darüber schreiben? Auf meine Art?

„Man muss die Dinge einfach tun, das ist auch wichtig für’s Gehirn.“
😉






Demokratie

Es war eine verhältnismäßig kleine Gruppe, die fahnenschwenkend einer Frau huldigte, die in Bielefeld einsitzt, weil sie behauptet, dass es den Holocaust nicht gegeben habe. Eine 91 Jährige unbelehrbare Nazifrau.

Viele Frauen spielten und spielen übrigens im alten und im neuen Nationalsozialismus eine starke Rolle!

Die Rechte war also unterwegs und ich bin eine von denen die sich fragt, warum dieser Demonstrationszug ausgerechnet zu diesem Termin genehmigt werden konnte, wenn er schon nicht ganz zu vermeiden war.

Das Demonstrationsrecht ist ein hohes Gut. Und leider gilt es auch für die, deren Ideologie es untergräbt. Die Crux der Demokratie.

Weder meine politischen geschweige denn meine juristischen Kenntnisse reichen aus, um hier vernünftig argumentieren zu können.
Ich war nur eine unter den 13.000 Gegendemonstranten. Wie oft, mehr beobachtend denn agierend unterwegs. Angesichts der Naziflaggen erschüttert bis zur Übelkeit.

Es war meine erste Demonstration seit den Ostermärschen und den Demonstrationen gegen Atomkraft und Braunkohle in meiner niedersächsischen Heimat, Anfang der 1980er Jahre.

Die Eindrücke dieser Demonstration in Bielefeld, initiiert vom Bündnis gegen Rechts, haben meinen Blick in mehrfacher Hinsicht geschärft. Besonders dafür, welche politischen Sympathien ich hege, welche Werte ich vertrete und wie herausfordernd es ist, politische Sprache zu deuten.

Klar ist, dass ich rechtes Geschwafel weder ertrage noch widerspruchslos dulde! Das gilt übrigens auch für linken Bullshit. Aber erkenne ich es überhaupt, wenn mir das Propagandagespenst im Nebel begegnet? Kann ich Zivilcourage dann zeigen, wenn es angebracht ist?

Die politische Mitte gibt es nicht mehr. Weder in ihrer Begrifflichkeit noch in für mich konkreter Form. Alles verschwimmt ineinander, niemand der politisch Verantwortlichen hat platt gesagt den Hintern in der Hose, seine Themen und Ziele klar zu vertreten. Die demokratischen und rechtsstaatlichen, versteht sich.

Wir brauchen weder linke noch rechte Propaganda und Parolen.

Die Herausforderung liegt darin zu identifizieren, was hinter Worten und Gesinnungen wirklich steckt.
Ich merke, auch ausgelöst durch die Erfahrungen auf der Demo, dass man ganz schnell eingelullt wird von Slogans, wenn man nicht geflissentlich hinterfragt. Das ist enorm anstrengend!

„Der Neoliberalismus ist Schuld an der Entstehung des Nationalsozialismus.“
Die Linke verteilt Zettel mit dieser Überschrift. Ich lese laut und sinniere: Oh. Interessante These!

Und ernte sogleich schräge Blicke – von Links, denn Liberalismus finde ich grundsätzlich gut, wenn er den sozialen Aspekt integriert.

Erst später, als ich wieder zuhause bin, gehe ich auf die Suche.
Was ist Liberalismus? Wie ist er entstanden? Was ist Neoliberalismus? Warum wird er kritisiert?
Ich versuche, zeitliche Einordnungen vorzunehmen, Aspekte abzuklopfen und mir einen Überblick zu verschaffen.
Kommunismus! Eine Utopie. Genau.
Es gelingt mir nur rudimentär und mir schwant langsam, dass genau das die Massen bewegt: Die Einfachheit von Parolen! Klar. Schlager singen sich auch einfacher als Arien.

Sätze wie Die AFD hat doch auch gute Ansätze, sind für mich unerträglich.
Nein. Eine Partei, die sich von Nazis unterwandern lässt, ist keine demokratische Partie; selbst wenn sie das bei ihrer Gründung vielleicht war.

Sowohl politisch linke als auch politisch rechte Extremen sind Gift für eine Demokratie. Sie bieten einfache Lösungen mit verheerenden Folgen. Keine Partei, die demokratisch sein möchte, darf sich unterwandern und vereinnahmen lassen.

Das tötet die Freiheit und führt in totalitäres Gemetzel.
Die Freiheit zu verlieren ist eine der fürchterlichsten Vorstellungen finde ich.
Weder rechten noch linken geschweige denn irgendeinem fanatischen, religiösen Wahnsinn möchte ich meine Freiheit opfern müssen.

Und deshalb höre ich nicht auf, diese schwierige Diva namens Demokratie mit meinen bescheidenen Mitteln zu schützen so gut ich es kann und mich immer wieder mit ihren Launen auseinanderzusetzen.

Sie ist vielleicht nicht die beste aber die einzige, die uns Freiheit und Frieden erhalten kann!

Keine beste Freundin

Meine Erfahrungen mit dem Typ beste Freundin sind so unterirdisch mies, dass ich irgendwann entschieden habe, es ohne zu versuchen.

Die beste Freundin ist so selten wie ein Lottogewinn. Und da man statistisch gesehen eher vom Blitz getroffen wird, als ’ne Million zu gewinnen kann man das Thema im Prinzip von vornherein ad acta legen.

Ich habe keine Ahnung, wie es sich anfühlt, eine wirklich beste Freundin zu haben. Denn die, von denen ich berichten kann, waren eines bestimmt nicht: beste Freundin.

Ich schreibe das ohne Groll. Es lebe das kleine Schmunzeln des stillen Humors.

Meine erste beste Freundin war deshalb keine, weil sie sich überhaupt nicht für mich interessierte.
Und mir ging es mit ihr genauso. Ich fühlte mich in ihrer Gegenwart sogar unwohl und gehemmt.

Dennoch ging jede Initiative den Kontakt aufrecht zu erhalten von mir aus. Ich dachte, wenn jeder eine beste Freundin hat, bräuchte ich auch eine. Folgerichtig riss der seidene Faden zwischen uns.

Meine zweite beste Freundin spannte mir meinen Freund aus. Ich würde sagen, das ist eine Disqualifikation ersten Grades, die jeden weiteren Kommentar unnötig macht.

Die dritte Dame der Kategorie beste Freundin unterstellte mir, dass ich ihren Mann anbaggern würde.

Mal ganz unter uns. Damals, mit Ende zwanzig, war ich mit passabler Attraktivität gesegnet; soll heißen, wenn ich es wirklich darauf angelegt hätte, wäre das so schnell gegangen, dass die Gute gar keine Zeit mehr gehabt hätte, es zu bemerken.
Ich habe tatsächlich nicht gebaggert und Eifersucht unter Freunden ist ein NoGo.

Nummer Vier erstickte mich mit ihrer Egozentrik und Extravaganz. Und ich habe einige Jahre die Straßenseite gewechselt, wenn ich sie nur von Weitem heranschreiten sah.

Für Nummer fünf war ich Freundin, wenn ich für sie nützlich war und sie sich Informationen oder Dienstleistungen von mir erhoffte. Ansonsten glich ich der heißen Kartoffel im freien Fall.

Auch der Versuch mit der Variante Typ bester Freund scheiterte fulminant.

Was soll dieser Bullshit?

Niemand, wirklich niemand möchte beliebig austauschbar sein. Niemand möchte sich belügen und betrügen lassen, geschweige denn um Zuneigung kämpfen. Oder wie ein Gespenst nur dann aus dem Schrank geholt werden, wenn es im eigenen Zimmer noch dunkler ist.

Die Sehnsucht nach Freundschaft kann schmerzlich sein.

Aber immer dann, wenn wir fast schon verzweifelt danach suchen, werden wir blind für die Menschen, die uns wirklich nah stehen.

Menschen, die beobachten und zuhören, bevor sie Stellung beziehen oder gar kritisieren. Menschen, in deren Gegenwart man das Gefühl hat, sein zu können wie man ist und im wahrsten Sinne des Wortes Er-Wachsen kann.

Menschen, die einen wie die Maus Frederik mit Sonne beschenken, die man für die dunkleren Tage bitter nötig hat.

Das Phantom beste Freundin oder bester Freund ist es nicht wert, gejagt zu werden.

Es ist nicht die oder eine beste Freundin, die ich brauche.

Es sind zwei oder drei Menschen des innersten Kreises, der individuell definiert ist.
Menschen, auf die Verlass ist. Persönlichkeiten, die Veränderungen, Entfernungen und Umstände aushalten können und wollen.
Weggefährten, mit denen man gute Zeiten verbringen kann, ins Kino geht, ein Hobby teilt.
Die, die man immer anrufen kann. Egal wie spät es ist, egal, um was es geht. Menschen, die agieren und reagieren. Menschen, mit einem Gespür für das Gegenüber und dessen Befindlichkeiten.

Charakterköpfe und -herzen, die sich nicht ausspannen und ablenken lassen von Flitter und Glamour oder von vergrämten Lästermäulern, die Umwelt und Mitmenschen belasten und vergiften.

Wie war das mit Judas damals? Er küsste seinen Freund Jesus und lieferte ihn damit einem tödlichen Schicksal aus.
Scheißkerl, dieser Judas. Einer, der die Jahrtausende überlebt zu haben scheint.

Aber, hey, kein Grund, Trübsal zu blasen.
Stehen wir zu uns selbst, machen unser Ding und richten uns auf und den Blick nach Vorn. Damit wächst die Chance, Menschen auf Augenhöhe zu treffen.

Leute, die an ihren Erfahrungen gereift und in der Lage sind, sich mutig auf verbindliche und zuverlässige Beziehungen einzulassen. Leute, die noch lachen und weinen können.

Die Beziehungen, auf die es wirklich ankommt, brauchen keine Namen.
Die Menschen, die uns wahrhaftig begegnen, können wir meinetwegen Freunde nennen.
Oder Ehemänner. Oder Ehefrauen. Oder Nachbarn. Oder Arbeitskollegen. Oder Brüder. Oder Schwestern.

Oder Hund.
Eine Runde drehen und einen tiefen Blick mit dem Vierbeiner austauschen schafft für einen Moment das, was man sich von einem Freund wünscht: Verbundenheit und Vertrauen.







Der Hovawart.

Enja vom Windelbrunnen wird im November 5 Jahre alt. Und ehrlich gesagt waren die ersten 3 1/2 Jahre kein Zuckerschlecken.
Wer meint, dass er mit guten Ratschlägen um sich hauen muss, weil er sich mit Hunden auszukennen meint oder wie so oft, eigentlich gar keine Ahnung hat, der sollte sich hinter die Ohren schreiben, dass der Umgang mit Hunden das eine, der Umgang mit einem Hovawart aber noch mal etwas ganz anderes ist.

Ich erinnere mich noch sehr gut, dass Enjas Züchter die Meinung vertrat, Herr Rütter könne bestimmt Hunde trainieren und erziehen, Hovawarte traue er ihm nicht zu.

Damals fand ich dieses Statement befremdlich, inzwischen weiß ich, was er damit gemeint hat.

Ich liebe meine Hündin sehr. Sie ist toll. Und alles, was in den ersten 3 1/2 Jahren nicht rund lief, war das das Ergebnis meiner Unsicherheit und meiner Angst.
Es gab Zeiten da sagte ich voller Überzeugung, nie wieder einen Hovawart.

Denn bei aller Liebe und Begeisterung für diese Rasse ist ein Hovawart eines ganz bestimmt nicht:

 Ein Jederwart!
Genau das macht mich heute stolz. Denn Enja und ich haben es geschafft, viele Hürden zu nehmen. Unser gemeinsamer Weg ist hoffentlich noch lange nicht zu Ende. Und heute sage ich, trotz aller Anstrengungen, Enttäuschungen und Selbstzweifel, einmal Hovawart, immer Hovawart.

Vor meinem geistigen Auge sehe ich euch, ihr Süßen aus meiner Familie, wie ihr die Augen verdreht um mich für bekloppt haltet, mir laut oder im Stillen sagt, dass ich spinne, von wegen Hovawart, alles andere ist Hund.
Aber ich bleibe dabei:

Was für jeden Hund gilt, dass er gute Anleitung, Erziehung und Führung braucht, das gilt für den Hovawart ganz besonders. Denn dieser Typ verzeiht keine Nachlässigkeit.

Er ist kein einfacher Mitläufer. Hier fordert eine sehr starke Persönlichkeit eine noch stärkere, nämlich einen Hundehalter, der souverän und kreativ genug ist, den Spagat zwischen Strenge und Sensibilität zu schaffen. Und zwar ohne Ausnahmen und mit jeder Menge Humor, Gelassenheit und Konsequenz.

Der Hovawart merkt sofort, wenn er einen „Schwächling“ oder „Unwissenden“ vor sich hat und wird dies in seinem Sinne ausnutzen. D.h., er wird vehement und voller Hingabe versuchen, sein Ziel zu erreichen, und zwar unter Einsatz seiner Bärenkräfte. Er macht mit dir, was er will, wenn du ihm zeigst, dass dein Repertoire nicht mehr zur Verfügung hat als Schreien und Handgreiflichkeiten.

Abgesehen davon, dass ich nicht an „den Familienhund“ glaube, ist der Hovawart schon mal gar keiner, wenn man sich darunter einen von Anfang an leichtgängigen, verschmusten und unterwürfigen „Typen“ vorstellt. Es ist auch nicht per se so, dass alle Hovawarte gut mit Kindern, geschweige denn mit kleinen Kindern auskommen.

Wird er in dieser Richtung ausdauernd und mit Vorsicht sozialisiert, kann das natürlich gut gehen.


Aber wer traut sich zu, gleichzeitig einen Hoviwelpen, der sehr schnell sehr groß wird, und kleine Kinder zu betreuen?

Die oft zitierte Sensibilität des Hovawarts macht sich vor allem darin bemerkbar, dass dieser Hund alles registriert und wahrnimmt, sich keinesfalls bedingungslos ausliefert und schneller rebelliert als andere Rassen.

Er braucht kurze und klare Ansagen und reagiert sehr gut auf Körpersprache. Bei jemandem, der gerne ohne Unterlass plappert, wird der Hovawart unter Umständen schnell auf Durchzug stellen und stattdessen sein Ding machen.

Auf Zwang, Nervosität und Unsicherheit reagiert er hochempfindlich! Und er quittiert derartige Schwäche entweder mit Abbruch des Vertrauens, d.h., er nimmt seinen Halter nicht mehr für voll oder aber mit dominanten Gesten.

Bitte nicht diesen Streß!
Wer meint, dass er einem Hovawart gewachsen sein könnte, der sollte über Gebühr geduldig sein und die Bereitschaft haben, mit dem jungen Hovawart jeden Tag aufs Neue von Vorne anzufangen. So lange, bis der Knoten platzt und sich die Beharrlichkeit auszahlt. Der Hovawart schnallt, aber es dauert sehr sehr lange.

Und das passiert ja auch:

Nicht zufällig sind es oft junge Rüden im Alter zwischen neun und vierundzwanzig Monaten, die „umständehalber“ abgegeben werden, weil die Halter überfordert sind: Nervlich und sicherlich auch zeitlich!

Und wenn ich schließlich die Liste einiger Eigenschaften, die dem Hovawart zugeschrieben werden heute wieder lese, so erkenne ich innerlich schmunzelnd die Parallelen zwischen Hund und Halter. Einfach schön

Hingebungsvoll, wachsam, ausgeglichen, reserviert, aktiv, sensibel, gesellig, hohe Lernbereitschaft, Neugier, Energie, Spätentwickler…

Drum prüfe, wer sich mehr als 10 Jahre bindet, ob sich nicht etwas wirklich passendes findet.
Und schließlich: Ja, für viele ist ein Leben ohne Hund ein sinnloses Leben!


Aber: Egal, für welche Rasse oder Mischung man sich entscheidet, geht es immer darum, einem Wesen für viele Jahre artgerecht gerecht zu werden. In guten wie in schlechten Zeiten.

Und manchmal wird man ihnen am gerechtesten, wenn man sie nicht ins eigene Leben holt, weil es eben nicht oder noch nicht passt.

Das ist verantwortungsvolle Fairness gegenüber Mensch und Tier.

Wie ich dem Dirndl fast entkam

Es macht einen flachen Bauch und ein fantastisches Dekolleté. Außerdem tragen alle eins. Wir wollen dich im Dirndl sehen!

In diesem Jahr wird es passieren. Ich werde mit meiner Familie die Münchner Wiesn besuchen. Tochter und Schwiegertochter sind jung, wunderschön und schlank. Man könnte sie in Sackleinen kleiden und sie wären immer noch bezaubernde Hingucker. Im Dirndl sind sie geradezu eine Pracht!
Ich nicht.
Ich will eine Lederhose!

Eine Lederhose? Hochgezogene Augenbraue beim Schwiegersohn, tolerantes Grummeln vom Herrn Sohn. Musst du selbst am besten wissen, Mama.

Wir kaufen dir ein schönes Dirndl, Christine. Der Mann spricht das letzte Wort und ich fühle mich verkannt und überrannt und in meiner emanzipatorischen Attitüde nicht ernst genommen.

Ich will eine Lederhose, sage ich ganz leise.

Und verstumme.

Sieben Dirndl habe ich anprobiert! Siebenmal war es ein mühsames Stopfen, ziehen, und zerren. Mama im Stopfdirndl!
Tiefes Durchatmen ist nicht möglich. Ich brauche Hilfe beim Ankleiden. Meine Güte, jetzt schon? Ich bin noch nicht mal 60.
Das Knöpfen der Korsage erfordert präzise Feinmotorik und ich ahne, dass dieses stoffliche Gebilde meinem Appetit nach Bier und Händl Einhalt gebieten oder platzen wird.

Mein Bauch ist nicht flach im Dirndl. Er ist gebläht und schmerzt an diesem Samstag im Trachten-Outlet. Ich halte die Luft an und denke an die Frauen, die sich vor hundert Jahren mutig und kämpferisch aus den Korsetts befreiten.
Und an die, deren Arbeitstrachten den Damen der Oberschicht als Modell dienten.

Im Profil sehe ich aus wie ein Fass im Dirndl. Von Vorne gehts.
Das letzte Dirndl sieht dann doch ziemlich gut aus. Trotz Ballonbauch fühle ich mich erstaunlich wohl. Wie Obelix mit Schleife auf dem Bauch sich eben so fühlt.

Es ist natürlich das teuerste Dirndl. Klar. Logisch.
Ein Zeichen?

Ich habe eine Lederhose gekauft. Reduziert. Und dazu passende Haferlschuhe. Darin sehe ich aus wie ein handfester, zupackender Bursche.

Tolle Sache für die Hunderunde im Wald und das fesche Understatement im heimischen Garten.
Auch als Provokation der puritanisch-ostwestfälischen Mentalität hat sich sich mein Outfit bereits bewährt.
Aber für die Wiesn in München?

Es ist unvernünftig, sich ein Kleidungsstück zu kaufen, das nur ein einziges Mal getragen wird! Und die Lederhose macht sich auf jede Fall bezahlt.

Aber wer sagt, das ich das Dirndl nur einmal tragen werde?
Vielleicht entdecke ich meine Lust an bayrischen Volksfesten.
Vielleicht lasse ich überhaupt kein Oktoberfest mehr aus zwischen Flens- und Freiburg.

Ich habe mir online ein Dirndl bestellt.
Hoffentlich kommt es noch pünktlich an und passt.

Denn sonst müsste ich mit einer Lederhose auf die Münchner Wiesn.

Na Servus,

Christine

Wie wir unsere Ehe gerettet haben

Wir sind über dreißig Jahre verheiratet. Das ist eine lange Zeit. Und in dieser Zeit gab es viele Höhen und Tiefen, kleine Krisen und sehr schwere und große Krisen, die das Potenzial hatten, in eine Trennung zu führen.
Manche Krisen dauerten Wochen, andere sogar mehrere Jahre.
Und mit uns litten die, die uns am nächsten stehen und die uns lieben.
Das ist eigentlich eine Nebentragödie die viel zu wenig Beachtung findet.

Eine Beziehung zieht Kreise. Wie ein Stein, den man in den ruhigen See wirft.

Wir haben auch weiterhin unterschiedliche Meinungen. Unsere kleinen und großen Schatten fordern uns immer wieder heraus. Wir hauen uns immer noch ein kerniges „aber du hast….“ um die Ohren, regen uns über Kleinigkeiten auf und sind nicht zimperlich mit überflüssigen Schuldzuweisungen.
Aber wir haben gelernt, Konflikte nicht mehr ernster zu nehmen als sie sind. Wir haben gelernt, vorsichtiger und ehrlicher miteinander umzugehen.

In der Rückschau fallen mir einige Dinge ein, die wir viel früher hätten angehen müssen. Dinge, die den Schmerz der Verletzungen, die wir uns zugefügt haben, erträglicher gemacht hätten.
Wir haben es uns viel zu schwer gemacht.

Heute würde ich mir viel schneller 1. Hilfe von außen holen.
Das muss keine Therapie im großen Stil sein. Es kann jemand sein, dem beide Partner vertrauen und der einigermaßen neutral ist.
Schließlich laufen wir auch nicht monatelang mit einem gebrochenen Arm herum, nur weil uns der Zeitpunkt des Bruchs zu früh oder zu ungeeignet erscheint.
Sich helfen zu lassen ist nicht einfach. Man muss über seinen Schatten springen und sich von der Überheblichkeit alles selbst schaffen zu können verabschieden.

Das ist ein Schritt der Mut erfordert. Keine Frage. Aber er kann sehr effektiv sein. Für die Beziehung und für die persönliche Entwicklung.

Eine 2. Gute Kommunikation üben. Mit den Augen des anderen sehen, mit den Ohren des anderen hören und mit dem Herzen des anderen spüren. Empathie ist kein emotionaler Weichspüler, sondern ein Tool, das erlernbar ist. Zuhören und den anderen aussprechen lassen. Unterstellungen und Mutmaßungen rauslassen. Themen sortieren und nacheinander abarbeiten. Bedürfnisse formulieren und klären, ob man ein gemeinsames Ziel hat, das man auf unterschiedlichen Wegen erreichen will oder ob es umgekehrt so ist, dass man unterschiedliche Ziele hat aber durchaus einen gemeinsamen Weg.

Ich habe mich viele Jahre verbogen und fühlte mich damit schlecht. Ich sah mich als Eheopfer, die Frau, die sich um alles kümmern muss, keine Unterstützung hat und unverstanden ist. Die Ehe war für mich einengend.
Während unseres großen Crashs sagte mein Mann etwas, dass ich nie vergessen werde, weil es mir die Augen öffnete.
Die Ehe ist das, was wir gemeinsam daraus machen. Die Regeln bestimmen wir. Lass dich von dem Wort doch nicht unter Druck setzen.

Wir haben 3. Aufgehört uns für den anderen zu verbiegen. Das hat nichts mit Egoismus zu tun. Ganz im Gegenteil. Jeder hat eigene Bedürfnisse. Lebendige Beziehungen zeichnen sich dadurch aus, dass man eine Schnittmenge hat, die sich aus den persönlichen Freiheiten der Individuen speist.
Wir haben uns ineinander verliebt, weil wir waren wie wir waren. Und vor allem waren wir frei. Und daran sollten wir uns immer wieder erinnern.

4. Das einzige Opfer, das man in einer Beziehung zu bringen bereit sein muss, ist der Kompromiss.
Und die Bereitschaft damit leben zu können, dass es machmal keine Lösung für ein Problem gibt. Das man loslassen muss. Und dass es trotzdem ein gute Beziehung sein kann.
Geben und Nehmen. Sich Fallenlassen und Auffangen. Frau und Mann. Oder auch X und Y.

Die Gründe dafür, dass wir uns ziemlich lange miteinander quälten waren vor allem drei Faktoren. Überheblichkeit, Scham und Angst. Und dieses fatale Trio hat in einer auf Nähe und Vertrauen basierenden Beziehung nichts verloren.

Ich wünsche euch gute und gelassene Beziehungen.

Christine