Die Sache mit der Milch

Christine, die Milch ist alle.
Okay. Kaffee schwarz am frühen Morgen ist nichts für meinen hochsensiblen Magen.
Kannst du oder soll ich?
Ich kann, klar. Aber, kündige ich an, dann gibt es nicht mehr die billige Milch im Tetrapack von Kühen, denen die Kälber gleich nach der Geburt weggenommen werden. Herzzerreißende Szenen, Schreie der leidenden Mütter, deren Babys anstatt mit Muttermilch mit irgendwelcher Ersatzbrühe aufgezogen werden, sausen ungehemmt durch meinen Kopf.

Gleich nach der Runde mit meinem vermenschlichten Hundemonster, dessen CO2-Abdruck bereits jetzt so groß ist, dass ich es kaum noch überschauen kann und geflissentlich verdränge, gehe ich auf die Suche nach ethisch einwandfreier Milch.

In meiner Kindheit, den frühen 70er Jahren war das sehr einfach. Milchkanne nehmen, ein Stück die Straße runter rennen, rein in den Tante Emma Laden von Frau Höhn. Mitten im Laden stand ein großer Tank mit frischer Kuhmilch vom Bauern. Kanne drunter, Milch rein, Fertig.

Heute ist das viel komplizierter.
Ich rufe im hiesigen Edeka-Markt an, erkläre, dass ich auf der Suche nach Milch bin die von Kühen kommt, deren Kälber nach der Geburt nicht vom Muttertier getrennt werden.
Stille.
Davon hat die Dame am anderen Ende noch nie was gehört und sowieso kommt die Kollegin, die die Molkereiabteilung betreut erst gegen Mittag und unausgesprochen kommt bei mir an, ob ich wohl noch alle Latten im Zaun habe, wegen so einem Scheiß anzurufen.
Das ist eine Unterstellung, die meiner Sensibilität geschuldet ist, aber da ich die Pappenheimer hier im Dorfe ganz gut kenne liege ich bestimmt nicht so falsch.

Ach Freundlichkeit, mögest du einkehren in die ostwestfälischen Gefilde. Ich warte schon so lange auf dich! Und wenn du unterwegs noch ein wenig Weltoffenheit einsammeln und mitbringen könntest wäre das super. Vielen Dank!

Zurück zur Milch.
Nächster Versuch Bioladen. Ich bin etwas überrascht, dass meine Frage als anspruchsvoll eingestuft wird. Aber die sehr freundliche Mitarbeiterin bietet mir an, sich unverzüglich beim Großhändler zu informieren.
In einem zweiten Gespräch erfahre ich, dass die Milch von einem regionalen Anbieter aus Bielefeld kommt und die Kälber 3 Tage mit ihren Müttern verbringen.

Aller guten Dinge sind drei und so rufe ich zu guter Letzt noch direkt bei einem Milchbauern der näheren Umgebung an. Ich stelle meine Frage und bekomme ausführlich und gut erklärt wie der Ablauf Geburt, Verbleib und Milch gestaltet wird.
Die Kuh hat Zeit, das Kalb trockenzulecken und braucht dann erstmal Ruhe.
Klar, logisch. Eine Geburt ist kein Kaffeekränzchen.
Doch auf diesem Hof leben die Kühe in Gruppen, liegen auf Stroh und haben ihre Kälber in der Nähe.

Die bäuerliche Sicht auf Natur und Tier bringt mich in meine vernünftige Mitte zurück. Ich spreche hier mit einem Fachmann, der alle Aspekte einbezieht und mich schließlich einlädt, seinen Hof zu besuchen.

Wir sind ein Familienbetrieb, sagt er, und wir sehen und hören, wenn es unseren Tieren schlecht geht. Bisher gab es bei uns noch keine Kuh, die brüllend um ihr Kalb kämpfen musste. Und das wird es auch in Zukunft nicht geben.


Vielleicht, so sagt er, sollten wir weniger vermenschlichen.

Und ich denke, vielleicht sollten wir uns als Mensch wieder mehr vermenschlichen und der Natur im Ganzen den Respekt zollen, der ihr gebührt. Denn wir sind ein Teil von ihr.

Jetzt gehe ich Milch kaufen. Und zwar die regionale aus Brockhagen. Die gibt es im Edeka-Markt hier vor Ort.