The Fabulous 4

Montag. Unitag. Hundetag.
Eigentlich.
Denn dann kommt alles ganz anders.
Wenn man als Frau in der Lebensphase U100 viele Stunden in der Woche inmitten von jungen, überwiegend schlanken, meist attraktiven, sehr oft intelligenten und zum Teil freundlichen Menschen sitzt, weil man meint, einen weiteren Studienabschluss machen zu müssen, dann hat das Auswirkungen.

Man sitzt. Im Hörsaal, im Seminarraum, in der Bibliothek, am Schreibtisch.
Und wenn man dann irgendwann mal steht, vorm Spiegel zum Beispiel, dann folgert die sehende Frau, dass es so nicht weiter geht.
Früher war alles an mir irgendwie anders, vor allem straffer und weniger fett.

Eigentlich ist Montag der Tag, an dem meine Hündin in der Hundeschule lernen soll, dass es vollkommen in Ordnung ist, dass auch Hunde anderer Rassen eine Daseinsberechtigung haben und Höflichkeit und Respekt auch in Hundekreisen wünschenswerte Eigenschaften sind.

Ja, leider ist meine Hündin eine Rassistin, die alles, was nicht ihrem Kaliber und Aussehen entspricht niedermachen möchte.

Ich mag sie trotzdem und lasse nicht nach, ihre zweifelhaften Überzeugungen ins freundliche Gegenteil zu verkehren, denn wir wissen ja, dass kläffende Arschlöcher im Grunde nur nach Liebe schreien und in 99% der Fälle ängstliche kleine Scheißer sind.

Entscheidung.
Montag. Lauftag. Keine Hundeschule. Ich muss endlich wieder ins Laufen kommen.
Sportplatz.

Runde 1: Es ist kalt, es ist dunkel, mein Herz rast und ich frage mich erstens, was ich hier tue, zweitens, seit wann 400 Meter so lang sind und drittens, was ich zum Abendessen einkaufen werde. Würstchen. Hm lecker. Mit Kartoffelsalat. Und ein schönes Helles dazu.
Ich beschleunige. Etwas.

Runde 3: Mir ist warm, ich habe ein angenehmes Tempo gefunden und lasse mich weder von der Gazelle, die mich schon zweimal überrundet hat, noch von dem Mann, der noch älter aber dennoch schneller ist als ich, aus dem Rhythmus bringen.
Und was soll ich zum Abendessen einkaufen? Broccoli und ein Spiegelei. Und dazu einen leckeren Kirschsaft. Oh ja.

Runde 6: Ich kann nicht mehr. Ich muss einfach wieder öfter joggen. Zweimal in der Woche wenigstens. Früher…. Bullshit. Früher war gestern. Lauf, gib Gas, nächste Runde. Und das Essen? Irgendwie habe ich gar keinen Hunger.

Runde 9: Eigentlich hatte ich nach Runde 7 keine Lust mehr. Aber da geht immer noch was.
Du bist fitter als andere Frauen in deinem Alter, sagt auch meine TomTom-Uhr. Die Aussichten sind hoffnungsvoll.
Und zum Abendessen? Salat und eine fantastische Saftschorle. Geht doch.

Montag. Später.
Mein Knie tut weh. Gerade jetzt, wo ich wieder anfangen wollte. Google sagt, dass das daran liegen kann, dass ich es übertrieben habe und nicht gut trainiert bin. Dehnen und Muskeln aufbauen.
Eine Nacht drüber schlafen und wenn es nach spätestens drei Tagen nicht besser ist, den Arzt aufsuchen.

Update.
Dienstag. Das Knie tut nicht mehr weh. Die Hündin ist friedlich. Und morgen ist wieder Sportplatztag.



Der Hovawart.

Enja vom Windelbrunnen wird im November 5 Jahre alt. Und ehrlich gesagt waren die ersten 3 1/2 Jahre kein Zuckerschlecken.
Wer meint, dass er mit guten Ratschlägen um sich hauen muss, weil er sich mit Hunden auszukennen meint oder wie so oft, eigentlich gar keine Ahnung hat, der sollte sich hinter die Ohren schreiben, dass der Umgang mit Hunden das eine, der Umgang mit einem Hovawart aber noch mal etwas ganz anderes ist.

Ich erinnere mich noch sehr gut, dass Enjas Züchter die Meinung vertrat, Herr Rütter könne bestimmt Hunde trainieren und erziehen, Hovawarte traue er ihm nicht zu.

Damals fand ich dieses Statement befremdlich, inzwischen weiß ich, was er damit gemeint hat.

Ich liebe meine Hündin sehr. Sie ist toll. Und alles, was in den ersten 3 1/2 Jahren nicht rund lief, war das das Ergebnis meiner Unsicherheit und meiner Angst.
Es gab Zeiten da sagte ich voller Überzeugung, nie wieder einen Hovawart.

Denn bei aller Liebe und Begeisterung für diese Rasse ist ein Hovawart eines ganz bestimmt nicht:

 Ein Jederwart!
Genau das macht mich heute stolz. Denn Enja und ich haben es geschafft, viele Hürden zu nehmen. Unser gemeinsamer Weg ist hoffentlich noch lange nicht zu Ende. Und heute sage ich, trotz aller Anstrengungen, Enttäuschungen und Selbstzweifel, einmal Hovawart, immer Hovawart.

Vor meinem geistigen Auge sehe ich euch, ihr Süßen aus meiner Familie, wie ihr die Augen verdreht um mich für bekloppt haltet, mir laut oder im Stillen sagt, dass ich spinne, von wegen Hovawart, alles andere ist Hund.
Aber ich bleibe dabei:

Was für jeden Hund gilt, dass er gute Anleitung, Erziehung und Führung braucht, das gilt für den Hovawart ganz besonders. Denn dieser Typ verzeiht keine Nachlässigkeit.

Er ist kein einfacher Mitläufer. Hier fordert eine sehr starke Persönlichkeit eine noch stärkere, nämlich einen Hundehalter, der souverän und kreativ genug ist, den Spagat zwischen Strenge und Sensibilität zu schaffen. Und zwar ohne Ausnahmen und mit jeder Menge Humor, Gelassenheit und Konsequenz.

Der Hovawart merkt sofort, wenn er einen „Schwächling“ oder „Unwissenden“ vor sich hat und wird dies in seinem Sinne ausnutzen. D.h., er wird vehement und voller Hingabe versuchen, sein Ziel zu erreichen, und zwar unter Einsatz seiner Bärenkräfte. Er macht mit dir, was er will, wenn du ihm zeigst, dass dein Repertoire nicht mehr zur Verfügung hat als Schreien und Handgreiflichkeiten.

Abgesehen davon, dass ich nicht an „den Familienhund“ glaube, ist der Hovawart schon mal gar keiner, wenn man sich darunter einen von Anfang an leichtgängigen, verschmusten und unterwürfigen „Typen“ vorstellt. Es ist auch nicht per se so, dass alle Hovawarte gut mit Kindern, geschweige denn mit kleinen Kindern auskommen.

Wird er in dieser Richtung ausdauernd und mit Vorsicht sozialisiert, kann das natürlich gut gehen.


Aber wer traut sich zu, gleichzeitig einen Hoviwelpen, der sehr schnell sehr groß wird, und kleine Kinder zu betreuen?

Die oft zitierte Sensibilität des Hovawarts macht sich vor allem darin bemerkbar, dass dieser Hund alles registriert und wahrnimmt, sich keinesfalls bedingungslos ausliefert und schneller rebelliert als andere Rassen.

Er braucht kurze und klare Ansagen und reagiert sehr gut auf Körpersprache. Bei jemandem, der gerne ohne Unterlass plappert, wird der Hovawart unter Umständen schnell auf Durchzug stellen und stattdessen sein Ding machen.

Auf Zwang, Nervosität und Unsicherheit reagiert er hochempfindlich! Und er quittiert derartige Schwäche entweder mit Abbruch des Vertrauens, d.h., er nimmt seinen Halter nicht mehr für voll oder aber mit dominanten Gesten.

Bitte nicht diesen Streß!
Wer meint, dass er einem Hovawart gewachsen sein könnte, der sollte über Gebühr geduldig sein und die Bereitschaft haben, mit dem jungen Hovawart jeden Tag aufs Neue von Vorne anzufangen. So lange, bis der Knoten platzt und sich die Beharrlichkeit auszahlt. Der Hovawart schnallt, aber es dauert sehr sehr lange.

Und das passiert ja auch:

Nicht zufällig sind es oft junge Rüden im Alter zwischen neun und vierundzwanzig Monaten, die „umständehalber“ abgegeben werden, weil die Halter überfordert sind: Nervlich und sicherlich auch zeitlich!

Und wenn ich schließlich die Liste einiger Eigenschaften, die dem Hovawart zugeschrieben werden heute wieder lese, so erkenne ich innerlich schmunzelnd die Parallelen zwischen Hund und Halter. Einfach schön

Hingebungsvoll, wachsam, ausgeglichen, reserviert, aktiv, sensibel, gesellig, hohe Lernbereitschaft, Neugier, Energie, Spätentwickler…

Drum prüfe, wer sich mehr als 10 Jahre bindet, ob sich nicht etwas wirklich passendes findet.
Und schließlich: Ja, für viele ist ein Leben ohne Hund ein sinnloses Leben!


Aber: Egal, für welche Rasse oder Mischung man sich entscheidet, geht es immer darum, einem Wesen für viele Jahre artgerecht gerecht zu werden. In guten wie in schlechten Zeiten.

Und manchmal wird man ihnen am gerechtesten, wenn man sie nicht ins eigene Leben holt, weil es eben nicht oder noch nicht passt.

Das ist verantwortungsvolle Fairness gegenüber Mensch und Tier.