Pizza connection

Ich mache mir einen Tee, genieße für einen Moment meine kleine, private Zeremonie und noch bevor das Wasser im Kocher den brodelnden Siedepunkt erreicht, meldet sich meine Familienministerin.

Vielleicht möchte noch jemand einen Tee, säuselt sie sanft und mit leichtem Berliner Einschlag, nur so als Anregung, du bist ja schließlich nicht allein auf der Welt, geschweige denn im Haus.

Warum bin ich so ein elender Egoist und habe nicht gleich daran gedacht? Asche auf mein Haupt, mea Culpa! Tschuldigung, murmele ich und spüre ihren Blick im Nacken.
Übertreib‘ nicht mit deiner Selbstkritik, Christine, alles im grünen Bereich! Chill dich.

Ich atme entspannt aus und kraftvoll wieder ein: Möchte jemand Teeeeee? jubiliere ich eine Oktave höher als gewohnt und so laut, dass auch die Nachbarn von Gegenüber mein Angebot hören können. Angesichts der schrillen Töne, die mir entfleuchen, zucke ich kurz zusammen.

Meine Königin-der-Nacht-Attitüde wird jedenfalls vernommen: Pfefferminz, Hagebutte, Hanf und Kräuter. Was für eine Resonanz!
Ich fülle mehr Wasser in den Wasserkocher, warte wieder, bis es brodelt und mache Tee für alle.
Kein Ding, so einfach ist das mit den kleinen Freuden des Lebens.

Später in der WhatsApp-Familiengruppe: Ich habe Lust auf Pizza! Wer möchte noch?

Alle möchten.
Margarita mit Sardellen, Calzone, Rucola, Champignon mit Rohschinken und einmal Art des Hauses.

Apropos Art des Hauses. Das ist die Pizza, auf der alles landet, was sich im Kühlschrank befindet. Pizza nach Art des Hauses ist die vielfältigste, die tolerantestes, die bunteste aller Pizzen.

Es ist auch Art unseres Hauses, dass man sich einigermaßen sozial verhält, mit Arroganz und Verallgemeinerungen so sparsam wie möglich umgeht, persönliche Eitelkeiten und Sensibilitäten in Maßen hält und freundlich, offen und zugewandt miteinander umgeht. Umgang pflegen, was für ein schöner Begriff, sich in Toleranz üben, gleichermaßen.

Kurz, es gilt das stillschweigende Credo,
Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem anderen zu.

Müßig zu erwähnen, dass das nicht immer klappt.

Wir sind Menschen, verstrickt im Drunter und Drüber immerwährender Denkgesänge, die uns wie Sirenen dauerbeschallen.
Manchmal gönnen wir dem anderen die Sardelle auf der Pizza nicht.
Manchmal sind wir sicher, dass wir besser, klüger und schöner sind.
Wir sind neidisch, ängstlich, überheblich. Wir können nicht aus unserer Haut, lästern, nölen und sind Opfer und Mähthyrer; blökende Schafe.
Wir schieben die Schuld auf alles und auf jeden, der uns irgendwie triggert.

Wir sind wie wir sind, laut, leise, wütend, glücklich, unglücklich, stark, zerbrechlich etc. pp.

Kein Mensch ist immer gleich. Wir changieren. Die einen mehr, die anderen weniger. Wir neigen zu dem und wir neigen zu jenem.

Aber was von alledem hält uns davon ab, das Leben, das wir miteinander teilen, in freiwilligen oder zufälligen Gemeinschaften, so schön und angenehm wie möglich für alle Beteiligten zu gestalten?

Dass der eine seine Pizza mit Sardellen mag und der andere lieber schwarzen Tee mit Milch und Zucker statt Pfefferminze trinkt, ist kein Hindernis dafür, zu fragen, ob er auch möchte. Das ist eine Übung für Anfänger.
So etwas lernt man im Kindergarten. Spätestens.

Du bist okay, ich bin okay.
Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem anderen zu.

Naiv? Idealistisch? Klar. Haben Sie an dieser Stelle etwas anderes von mir erwartet?
Mir stehen öfter als mir lieb sein kann Überheblichkeit, Hochmut, Angst und Perfektionismus im Weg.
Und deshalb habe ich mir angewöhnt, Gedanken dieser Art, regelmäßig ins Herz umzuleiten. So, als würden sie einen Spülgang in Liebeslauge in der Waschmaschine durchlaufen.

Und um bei dem Waschmaschinenvergleich zu bleiben: Je öfter ich den Spülgang einsetze, desto weißer wird die schmutzige Wäsche.

Gönnen Sie sich und ihren Mitmenschen eine Tasse Tee oder eine Pizza oder was auch immer.
Es könnte ja sein, dass es uns allen guttut und dem Drunter und Drüber unserer viel zu vielen Gefühle und Gedanken mit einem Lächeln den Wind aus den Segeln nimmt.

Montag ist Pizzatag, weil häufig günstiger als an den anderen Tagen der Woche😉
Also, wagen wir doch mal ’ne Pizza connection, die sich gewaschen hat.
Schönen Tach noch.