Flügelschläge, grüner Tee & Currywurst

Zwischen Geburt und Tod liegt nur ein Flügelschlag.

Ich breite meine Arme aus und ahme die Flügel eines großen Vogels nach. Ich nehme mir viel Zeit und hebe und senke graziös meine Schwingen.
Meine verspannten Nackenmuskeln rufen mir zu: Fly, Baby, fly.

Was, wenn ich gleich abhebe?

Ein bisschen fliegen, für eine Weile schweben, Freiheit von all dem Zeug und Kram, von dem ich mich binden und in Beschlag nehmen lasse?

Misses Jott schnuppert an der Verlockung der inneren Freiheit, niest vom wohligen Kribbeln in der Nase und genießt den warmen, strahlenden Duft, der sich verströmt.

Mit geschlossenen Augen spüre ich nach, wie wenig Zeit zwischen dem Auf- und Abschwingen der Flügel liegt.
Ich entschleunige, und gleite von der Frequenz eines Kolibri Flügelchens in das behäbige Pflügen des Albatros. Schließlich finde ich mich in der Pose eines sterbenden Schwans wieder.

Wenn ein Schwan singt, lauschen die Tiere
Wenn ein Schwan singt, schweigen die Tiere
Und sie neigen sich tief hinab, raunen sich leise zu:
Es ist ein Schwanenkönig, der in Liebe stirbt. (Karat)

Irgendwann hebt sich der Flügel nicht mehr. Und, ja, in Liebe zu sterben, das ist Vollendung.
In Liebe zu leben hat für mich derzeit ehrlich gesagt den größeren Charme.

Wie viel Zeit haben wir zwischen dem Auf- und Abschwung eines Flügels? Wie viel Zeit habe ich noch?
Keine Ahnung.
Schlage ich viel zu oft mit den Flügeln? Mache ich, wie ein scharrendes Huhn immer noch viel zu viel Wirbel um die vermeintlich wichtigen Dinge des Lebens, anstatt abzuheben und eine neue Perspektive einzunehemn? Vogelperspektive statt Vogel Strauss, der mit dem Kopf im Sand steckt.

Wie wäre es, viel öfter zu segeln? Die Flügel auszubreiten und sich von Wind und Thermik tragen lassen?

Was tue ich und vor allem was unterlasse ich in der Zeit, die ich habe. Der Flügelschlag, der zwischen Ein- und Ausatmen liegt.
Bin ich am Leben, im Leben, in meinem Leben, bei mir? Oder bin ich eigentlich mit meinen Gedanken und Gefühlen beschäftigt und in Vorstellungen verhaftet, die nichts oder nur sehr wenig mit dem zu tun haben, was jetzt ist?

Fülle ich mein Leben mit dem Credo des Müssens und Sollens? Verausgabe ich mich im Erfüllen von Erwartungen, von denen ich meine, dass sie an mich gestellt werden? Bin ich ein Wunscherfüller, ein Anerkennungsjunkie?
Suche ich unablässig nach dem ultimativen Mittel, das mich endlich glücklich macht?

Setze ich mich den abertausenden Informationen aus Podcast, Tagesschau und Social Media aus, die unablässig auf mich einhämmern, weil ich glaube, dass ich das alles wissen muss?

Was wissen Sie denn so?

Ich weiß nichts außer, dass im Kühlschrank noch eine Currywurst von vorgestern liegt, die ich jetzt essen werde. Kalt. Und dazu mache ich mir einen grünen Tee.
Komische Mischung? Ja. Komische Mischung. Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht.

Ist vom Tier, ist zu fett, macht Cholesterin und Heißhunger auf Schokolade, die wiederum zu viel Zucker hat und auch zu viel Fett; und der grüne Tee? So, wie du ihn trinkst ist er eigentlich tot, der muss frisch sein und das Wasser darf nicht kochen, sondern maximal 70 Grad haben und ….

… und was?

Wenn es Ihnen so wie mir geht und sie immer noch viel zu oft versuchen, alles richtig zu machen, gesund zu leben, den Müll ordentlich zu trennen und nebenbei noch die kleine und große Welt zu retten und sich jeden unerbetenen Ratschlag zu Herzen nehmen, dann fangen Sie jetzt am besten sofort an, kräftig mit den Flügeln zu schlagen und ihre zuverlässige Bodenständigkeit für eine Weile unter sich zu lassen.

Drehen Sie Ihre Lieblingsmusik auf, tanzen Sie, singen Sie und spüren Sie mal in sich hinein, was Ihnen ein Kribbeln in der Nase und tiefer verursacht.

Dann sind Sie nämlich an dem Ort, an dem Sie sich selbst treffen. Da, wo es strahlend und warm ist und wo Sie weder neue Klamotten oder anderen Schnickschnack brauchen, um sich gut zu fühlen. Erschrecken Sie nicht, wenn es für eine Weile, für einen Flügelschlag, ganz still ist an Ihrem Ort.

Dann ist es nämlich Ihr Ort. Der Ort, an dem Sie Currywurst essen und grünen Tee trinken können, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben.

Und wenn Sie zu denen gehören, die sich schon aufgeschwungen haben, dann buche ich Sie sofort für eine Flugstunde oder zwei. Ich bringe auch grünen Tee mit, versprochen.

Zwischen Geburt und Tod liegt nur ein Flügelschlag.

Schönes Wochenende.