Von Sternstunden, gutem Brot und dem Zauber der kleinen Melancholie

Sie ist eine junge Frau und macht einen richtig guten Job!

Gut so. Mehr davon, mehr junge Frauen in guten Jobs und bitte auch gut bezahlt, weniger Chefs, die meinen, das Chefsein als Qualifikation reicht, so nicht, das geht anders, denke ich im Bruchteil einer Sekunde an vier unterschiedliche Geschichten aus dem Arbeitsalltag junger Frauen, die mir kürzlich zu Ohren kamen und frage kurz nach, Wie alt ist sie denn?

Anfang 40, antwortet mir meine Freundin und prostet mir mit einem Glas Merlot zu. Ich hebe mein Bierglas, wir sehen uns kurz an und dann lachen wir laut los.

Junge Frau mit Anfang 40?
Gefühlt sind wir selbst noch auf einer Altersskala zwischen 17 und 39 unterwegs.
Die Seele altert nicht, sie bekommt weder Falten noch dünnes Haar. Ganz im Gegenteil: Jede Wunde, die Narben im Herzen hinterlässt, macht die Seele klarer. Jeder Lebensring schmückt die Seele wie ein wertvoller, goldener Reif.
Wenn wir bei uns selbst und mit uns stimmig sind, dann kann das ziemlich sexy sein.

Auch dann, wenn wir mit 55 definitiv mehr an der 60 als an der 40 kratzen und an PMS und Wechseljahren gleichzeitig laborieren.

Wir reden an diesem Abend bei Wein und Bier über alles, was uns beschäftigt. Über die Veränderungen unserer Körper, die trotz Sport und gesunder Ernährung über uns hereinbrechen wie ein Platzregen aus Hefeextrakt.
Wir reden darüber, dass wir uns nicht mehr vor jedem ausziehen, sondern nur noch vor dem EINEN. Badeanzug anstatt Bikini, denn unser Bauch gehört uns und ebenso unser von A nach D mutiertes Dekolleté.

Wir reden über Ideen, Politik, Angst, Zweifel, Trauer, Söhne, Töchter und Männer, die von früher und die von heute.
Und all dies tun wir mit Respekt und jeder Menge Liebe. Liebe, dieses facettenreiche, tiefgründige, ewige Geschöpf.
Wir reden überlegt, mit Humor und in dem Bewusstsein, dass wir in einer Phase unseres Lebens angekommen sind, die ein Geschenk ist!

Wir feiern uns bei einem zweiten Glas weil wir wissen, wie wertvoll das Leben ist, wie wertvoll unsere Zeit ist.
Wir haben viel zu verschenken aber nichts zu vergeuden.

Wir wollen nicht mehr an Tischen sitzen, an denen über uns gelästert wird, sobald wir sie verlassen haben. Wir wollen Männer, die nicht unsere Hintern und Brüste geil finden, sondern uns als Frauen erkennen, begegnen und klar, auch begehren, mit Stil, mit Charakter, mit Respekt. Intelligente Männer, reflektierte Männer, emanzipierte Männer.

Wir stellen an diesem Abend fest, dass wir stimmig mit uns selbst sein wollen. Dass alles andere uns schadet und uns von uns selbst schmerzhaft entfernt und wir fragen uns, Sind wir zu Egoistinnen geworden?
Nein. Wir sind Frauen. Erwachsene Frauen, Mütter, Freundinnen, Partnerinnen, Geliebte. Wir sind für die da, die wir lieben, wir fühlen mit, wir helfen und wir sorgen gut für uns, damit wir das noch lange so tun können, wie wir es tun wollen.

Wir reden darüber, dass es die Songs unserer Epoche sind, die wir mit unserem satten Soul der 70er und 80er Jahre singen können, dass wir aber ebenso in der Lage sind, die neuen Lieder zu singen, auf unsere Art zu interpretieren, wenn wir wollen.
Denn wir müssen nur noch wenig.

Es gibt diese Sternstunden-Abende nach denen man satt und hungrig zugleich nach Hause geht, weil man sie in vollen Zügen genießen konnte, weil sie wie ein Füllhorn ihre Gaben über einem ausgeschüttet haben, weil man ohne eine dicke Schicht Make-up auf Haut und Charakter sein konnte. Zufrieden sein! In Aufbruchstimmung sein!

Der Herbst und das Älterwerden haben Gemeinsamkeiten. Sie kommen unaufhaltsam. Und was auch immer sie an Überraschungen bereit halten, es liegt an uns, wie wir damit umgehen. Denn der Herbst ist nicht das Ende. Er ist Teil eines Zyklus. Eines wiederkehrenden Zyklus.

Wir können in der Melancholie des Herbstes versinken, den Abschied betrauern, uns einen Trauerflor umlegen und mit Schlafzimmerblick an unserem Johanniskrauttee nippen. Wir können aber auch die Zartheit der Melancholie begrüßen, sie annehmen und uns vom Rot des Weines inspirieren lassen. Wir können lieben, auch dann, wenn das oder der oder die, die wir lieben nicht mehr in unserem Leben sind.

Ich habe lange nicht verstanden, was Menschen damit meinten, wenn sie sagten, sie würden den Weg nach Innen gehen. Wahrscheinlich war ich noch zu jung, Anfang 40 oder so.
Allmählich beginne ich die Tür zu diesem heiligen Raum der Ruhe und Einkehr einen Spaltbreit zu öffnen. Und es überrascht mich angenehm und warm, welche goldenen Schätze dieser Raum birgt.

Apropos Schätze. Ich betrete das Café Bossert in Werther, der kleinen Stadt am Teutoburger Wald.

Guten Morgen, wir haben ein neues Brot im Angebot. Kräftig, würzig, mit einer krossen Kruste. Ein Friesenbrot.

Ich fahre voll drauf ab: Auf freundliche Menschen, die Gedanken lesen können und auf krosskrustige Brote.
Und da mein Kopf schon wieder seit drei Tagen am Hämmern ist bin ich einfach nur froh, dass diese Zauberfrau des Bäckerhandwerks mir meine Wünsche von den zugequollenen Augen abliest. Sie ist genau richtig an diesem Ort! Sie ist ein Geschenk für ihren Brötchengeber und in diesem Moment auch für mich.

Und wir haben frisch aus der Backstube Pflaumenkuchen mit Streuseln, offenbart sie mir mit strahlendem Lächeln, Wann soll man Pflaumenkuchen essen, wenn nicht jetzt, in dieser Jahreszeit!

Ach, manchmal liebe ich das Leben auf dem Lande noch mehr als sowieso schon!
Zum Mittag gibt es heute Pflaumenkuchen mit Streuseln.


PS. Mich gehen die kleinen und große Ereignisse der Welt an. Sie zehren an mir. Moria liegt in Schutt und Asche, in Belarus werden Menschen verschleppt, weil sie ihre Meinung sagen.
Es brennt gefühlt an allen Ecken und Kanten, die Liste der Dinge, die wir nicht mehr so handeln können wie wir es gewohnt sind, wird immer länger.
Was kann ich tun? Wenig an den großen Dingen, einiges im Kleinen.

Zum Beispiel Respekt zeigen vor dem Leben und der Natur, freundlich sein und optimistisch bleiben oder werden. Trotz alledem. Das ist immerhin ein Anfang. Und last but not least, Ruhe bewahren, der Stille den Vorzug geben, wenn Worte zu viel oder zu wenig sind.

Und vielleicht, irgendwann im späten Winter dann spüren, dass Güte einzieht, in die Seele in meinem heiligen Raum.

Ihnen und euch eine gute und zuversichtliche Zeit, bis bald!