Mittwoch, Köftespieß und Schabernack

Geht es Ihnen manchmal auch so? Sie wachen morgens auf, ein zarter Duft von Räucherstäbchen wabert von irgendwoher in ihrem limbischen System, neben dem Bett steht eine getöpferte Henkeltasse, die noch einen Rest Vanilletee freundlich schillernd beherbergt und über dem Stuhl hängt ein schwarz-weißes Palästinensertuch.

Sie reiben sich die verschlafenen Augen, wähnen sich im Jahr 1979 und versuchen mit jugendlichem Elan das Bett zu verlassen.

Anstatt des Kribbelns im Bauch, das sich zuverlässig in der Vorfreude darauf einstellt, auf dem Schulweg mit etwas Glück demjenigen zu begegnen, für den Sie heimlich schwärmen, knackt es laut vernehmbar erst im unteren Rücken und dann im Knie.

Knacken statt Kribbeln sind eindeutige Indizien dafür, dass man in der Gegenwart angekommen ist und heute keinesfalls auf welchen Wegen auch immer, irgendjemanden treffen wird, der ein Kribbeln auslösen könnte, das in der Lage wäre, das schmerzende Knacken in den Knochen zu vergessen.

Christine, willkommen in der Realität, mach dir keine Illusionen, du bist jetzt in einem Alter, in dem du zwar alles darfst aber genau das leider nicht mehr kannst.

Alles wie immer nur umgekehrt. Damals konnte ich alles, durfte es aber nicht.

Aber, hey, kein Ding, sei nicht traurig, Schwamm drüber, immer labern lassen und machen was noch geht, du bist meine Lieblingsschrumpelrose, forever and ever, ich schwöre.

Schrumpelrose*. Allerherzlichsten Dank!
Ich krame in der hintersten Ecke meines Kleiderschrankes die Jeans mit dem ausgestellten Schnitt hervor. Bootcut. Schlaghose. Shaka.

Was früher meine schlanke Figur möglich machte, nämlich in die Jeans zu passen, erledigt heute der 2%ige Strechanteil. So nämlich. Man muss sich nur zu helfen wissen. Alles töfte.
Töfte? Kennen sie das? Plötzlich taucht ein Wort auf, das Sie schon seit Äonen nicht mehr im Kopf hatten. Das Gehirn ist schon ein hypertonisches* Teil. Nichts ist weg, es ist nur woanders.

Während ich mit einem Glas Wasser Hyaluron, Magnesium, Zink und jede Menge Eisen einwerfe ploppt auf meinem Smartphone eine Nachricht auf:

Mittwoch, Köftespieß und Schabernack stehen zur Wahl für das Jugendwort des Jahres 2020.

What? Das sind doch Wörter wie töfte, Wörter aus meiner Jugend! Gutes bleibt, denke ich, oder kommt halt wieder oder war noch nie wirklich weg.

Wenn wir in den frühen Morgenstunden aus dem JollyJoker in Braunschweig kamen – gibt es das eigentlich noch, JollyJoker und Braunschweig? 🙂 – dann holten wir uns Köfte vom Türken.

Und klar, manchmal auch am Mittwoch und mit jeder Menge Schabernack.
Den treibe ich auch heute noch für mein Leben gern, am liebsten mit Schalk, meinem Kumpel, der mir manchmal im Nacken sitzt und mir Dancing Queen von Abba ins Ohr gröhlt. Niemand beherrscht es wie er, einen halben Ton daneben zu liegen.

Und diese drei also, Mittwoch, Köfte und Schabernack stehen zur Wahl für das Jugendwort 2020?
Das ist ja wohl mal krasskonkret* und massiv vierlagig* und ich bin schon sehr gespannt, welches der drei Retros das Rennen machen wird.

Und jetzt mache ich mir einen Vanilletee, zünde ein Sandelholz-Räucherstäbchen an und lege ’ne Platte von Cat Stevens auf. Uuuuh Baby, Baby, it’s a wild world and Wish you were here von Pink Floyd gleich danach.

Und wie töfte ist das bitte, dass bei all dem Bullshit, der die Welt so durchschüttelt Köfte, Schabernack und Mittwoch die Mentalität der heutigen Jugend repräsentieren?

Und wir, die wir vor 40 Jahre genau das repräsentierten dürfen uns fragen, wo genau wir auf dem langweiligen Weg zum Ernst des Lebens das aus den Augen verloren haben, was uns in der Seele brennt und im Bauch prickelt?

Love & Peace, die Vorstellung, dass Krieg ist und keiner hingeht und die Rettung dieser Welt sind fantastische und voll analoge Ziele, auf sure*! Und wir Kompostis* sollten uns klar machen, dass heute die Expresschecker* for future auf die Straße gehen, die wir früher mal waren und immer noch sind.

Wir müssen uns nur erinnern.

Ihnen einen schönen und vor allem gesunden Mittwoch und ein herzliches Tschüß und bis später mal.


*dieser Artikel kann Spuren von Jugendsprache und Ironie enthalten.