Keine beste Freundin

Meine Erfahrungen mit dem Typ beste Freundin sind so unterirdisch mies, dass ich irgendwann entschieden habe, es ohne zu versuchen.

Die beste Freundin ist so selten wie ein Lottogewinn. Und da man statistisch gesehen eher vom Blitz getroffen wird, als ’ne Million zu gewinnen kann man das Thema im Prinzip von vornherein ad acta legen.

Ich habe keine Ahnung, wie es sich anfühlt, eine wirklich beste Freundin zu haben. Denn die, von denen ich berichten kann, waren eines bestimmt nicht: beste Freundin.

Ich schreibe das ohne Groll. Es lebe das kleine Schmunzeln des stillen Humors.

Meine erste beste Freundin war deshalb keine, weil sie sich überhaupt nicht für mich interessierte.
Und mir ging es mit ihr genauso. Ich fühlte mich in ihrer Gegenwart sogar unwohl und gehemmt.

Dennoch ging jede Initiative den Kontakt aufrecht zu erhalten von mir aus. Ich dachte, wenn jeder eine beste Freundin hat, bräuchte ich auch eine. Folgerichtig riss der seidene Faden zwischen uns.

Meine zweite beste Freundin spannte mir meinen Freund aus. Ich würde sagen, das ist eine Disqualifikation ersten Grades, die jeden weiteren Kommentar unnötig macht.

Die dritte Dame der Kategorie beste Freundin unterstellte mir, dass ich ihren Mann anbaggern würde.

Mal ganz unter uns. Damals, mit Ende zwanzig, war ich mit passabler Attraktivität gesegnet; soll heißen, wenn ich es wirklich darauf angelegt hätte, wäre das so schnell gegangen, dass die Gute gar keine Zeit mehr gehabt hätte, es zu bemerken.
Ich habe tatsächlich nicht gebaggert und Eifersucht unter Freunden ist ein NoGo.

Nummer Vier erstickte mich mit ihrer Egozentrik und Extravaganz. Und ich habe einige Jahre die Straßenseite gewechselt, wenn ich sie nur von Weitem heranschreiten sah.

Für Nummer fünf war ich Freundin, wenn ich für sie nützlich war und sie sich Informationen oder Dienstleistungen von mir erhoffte. Ansonsten glich ich der heißen Kartoffel im freien Fall.

Auch der Versuch mit der Variante Typ bester Freund scheiterte fulminant.

Was soll dieser Bullshit?

Niemand, wirklich niemand möchte beliebig austauschbar sein. Niemand möchte sich belügen und betrügen lassen, geschweige denn um Zuneigung kämpfen. Oder wie ein Gespenst nur dann aus dem Schrank geholt werden, wenn es im eigenen Zimmer noch dunkler ist.

Die Sehnsucht nach Freundschaft kann schmerzlich sein.

Aber immer dann, wenn wir fast schon verzweifelt danach suchen, werden wir blind für die Menschen, die uns wirklich nah stehen.

Menschen, die beobachten und zuhören, bevor sie Stellung beziehen oder gar kritisieren. Menschen, in deren Gegenwart man das Gefühl hat, sein zu können wie man ist und im wahrsten Sinne des Wortes Er-Wachsen kann.

Menschen, die einen wie die Maus Frederik mit Sonne beschenken, die man für die dunkleren Tage bitter nötig hat.

Das Phantom beste Freundin oder bester Freund ist es nicht wert, gejagt zu werden.

Es ist nicht die oder eine beste Freundin, die ich brauche.

Es sind zwei oder drei Menschen des innersten Kreises, der individuell definiert ist.
Menschen, auf die Verlass ist. Persönlichkeiten, die Veränderungen, Entfernungen und Umstände aushalten können und wollen.
Weggefährten, mit denen man gute Zeiten verbringen kann, ins Kino geht, ein Hobby teilt.
Die, die man immer anrufen kann. Egal wie spät es ist, egal, um was es geht. Menschen, die agieren und reagieren. Menschen, mit einem Gespür für das Gegenüber und dessen Befindlichkeiten.

Charakterköpfe und -herzen, die sich nicht ausspannen und ablenken lassen von Flitter und Glamour oder von vergrämten Lästermäulern, die Umwelt und Mitmenschen belasten und vergiften.

Wie war das mit Judas damals? Er küsste seinen Freund Jesus und lieferte ihn damit einem tödlichen Schicksal aus.
Scheißkerl, dieser Judas. Einer, der die Jahrtausende überlebt zu haben scheint.

Aber, hey, kein Grund, Trübsal zu blasen.
Stehen wir zu uns selbst, machen unser Ding und richten uns auf und den Blick nach Vorn. Damit wächst die Chance, Menschen auf Augenhöhe zu treffen.

Leute, die an ihren Erfahrungen gereift und in der Lage sind, sich mutig auf verbindliche und zuverlässige Beziehungen einzulassen. Leute, die noch lachen und weinen können.

Die Beziehungen, auf die es wirklich ankommt, brauchen keine Namen.
Die Menschen, die uns wahrhaftig begegnen, können wir meinetwegen Freunde nennen.
Oder Ehemänner. Oder Ehefrauen. Oder Nachbarn. Oder Arbeitskollegen. Oder Brüder. Oder Schwestern.

Oder Hund.
Eine Runde drehen und einen tiefen Blick mit dem Vierbeiner austauschen schafft für einen Moment das, was man sich von einem Freund wünscht: Verbundenheit und Vertrauen.