Ey les mir ma vor, nackt!

In dieser Woche, genauer gesagt gestern, war der Tag des Ehrenamtes.
Ich überlege schon seit geraumer Zeit, ob ich mich für ein Ehrenamt eigne.
Aber wo könnte ich mich ehrenhalber einbringen? Die Freiwillige Feuerwehr ist mir zu heiß und für die Arbeit im Hospiz bin ich zu zart besaitet.

Außerdem, mal ganz ehrlich und unter uns, wieviel Wertschätzung erfährt eine Gratisleistung?

Zum Glück kann ich fast nichts, außer Lesen und Schreiben. Aber immerhin kann ich es offenbar besser als viele andere.

Denn, Eiderdaus, man höre und komme aus dem Staunen nicht mehr heraus, Pisa, nicht die Stadt mit dem Turm, sondern die Studie zeigt an, dass unsere Zukunft in Sachen Lesen, Schreiben und Rechnen ein düsteres Szenario heraufbeschwört.

Unseren wackeren bayrischen, baden-württembergischen und sächsischen Mitstreitern ist es zu verdanken, dass ein stockfinsterer Bildungsuntergang am zarten Licht hoffnungsvoller Bildungsmittelmäßigkeit scheitert.

Immer weniger Kinder und Jugendliche können lesen und schreiben. Stattdessen rechnen sie aber mit der Wahrscheinlichkeit, Influencer, Gamer oder YouTuber zu werden oder vertrauen derart auf ihren A Star is Born Status, dass sie sich bekifft noch in der Lage sehen, den Personalchef derart zu überzeugen, dass er ihnen direkt die Geschäftsführerposition andient.
Alternativ ist es ihnen scheiß egal, denn es passiert ja nichts, was ihnen Unannehmlichkeiten bereiten könnte.
Und wenn, dann findet sich bestimmt ein Anwalt, der die Dinge regelt. Papa, Onkel oder Cousin werden es schon richten.
Man fällt gemeinhin sehr weich und sehr warm, selbst in den misslichsten Lebenssituationen.
Und Sozialarbeiter soll sich kümmern, Alter ey!

In bildungspolitischen Kreisen brabbelt man sich alle Jahre wieder die möglichen Ursachen für das Dilemma in die langen Bärte.

Eine besonders pfiffige Studienrätin ließ jetzt die Katze aus dem Sack.

Quereinsteiger, also Fachkräfte anderer Berufe, denen lediglich die 2 Semesterwochenstunden Pädagogik fehlen, die Gymnasiallehrer in den mutigen Zustand versetzen, sich überhaupt als Pädagogen bezeichnen zu dürfen, tragen zum Versagen der Schüler erheblich bei, da sie nun mal nicht über die entsprechende Ausbildung verfügen, um Grundschülern Lesen und Schreiben beizubringen. Hört, hört!

Ausgebildeten Erziehungswissenschaftlern, Diplomierten Pädagogen, also Menschen, die sich fünf Jahre oder länger mit Erziehung, Lehre und Bildung auseinandergesetzt haben, und zwar in Theorie und Praxis, wird der Zugang zum Lehrerberuf wenn nicht schwer, so noch schwerer gemacht.
Ja es ist im Grunde unmöglich, als Pädagoge Lehrer zu werden!
Warum? Klar. Das fachliche Wissen fehlt.

Und umgekehrt, wenn man Mathe, Philosophie, Germanistik oder Jura studiert hat, dann wird einem gesagt, man wäre nicht in der Lage, Fachwissen zu vermitteln und könne deshalb leider nicht dafür berücksichtigt werden, für einen Hungerlohn als Lehrer arbeiten zu dürfen.

Und hier kommt dann wieder das Ehrenamt ins Spiel!
Entschuldigen Sie bitte, mea culpa. Mein Zynismus ist schlimm. Und zur Strafe werde ich bestimmt ganz fiele Kommas falsch gesetzt haben oder noch falscher setzen werden müsen und noch fiel mär Rechtschreibefeler machen tun. Oder so.

Zurück zu meinen Ambitionen, mich angesichts der angespannten Bildungssituation mit meinen Fähigkeiten ehrenamtlich einzubringen.
Sie sind weg. Erloschen. Wahrscheinlich für immer.
Sie fragen warum?

Ich bot meine ehrenamtlichen, privaten Dienste unter dem Stichwort Lesepate, Unterstützung beim Lesen, Ehrenamt an und konnte mich vor Klicks kaum retten. Klar, zu finden war meine Annonce unter Verschenken/Tauschen.
Was dann kam, war ernüchternd und mir fiel der Spruch ein Wenn man dir den kleinen Finger gibt, dann nimmst du gleich die ganze Hand.

Hallo, ey lest du mir ma vor? Ey, was is? antworte ma.
Könn sie putzen?


Das sind die harmlosen Reaktionen. Nur so viel: als ehrenamtlicher Escortservice oder nackte Vorleserin hätte mir eine steile Karriere im Feld des Ehrenamtes bevorgestanden.
Hut ab vor allen Lehrern, die in Schulen à la fuck ju Göte unterrichten.
Alle Achtung vor Menschen, die andere pflegen, was ganz oft heißt, so richtig in die Scheiße zu fassen.
Respekt vor den Menschen, die sich um Sicherheit, Sauberkeit und Ordnung kümmern.
Und last but not least denen, die aus voller Überzeugung ehrenamtlich arbeiten können.

Sie alle haben einen großen Anteil daran, das wir ein funktionierendes soziales Gerüst haben.
Der Blick darauf sollte geschärft und angemessen bewertet werden.

Man kann nur dann sozial handeln, wenn man seine Kapazitäten vernünftig einsetzt. Das heißt fair und zukunftsgerichtet.
Wer meint, er muss auf Biegen und Brechen dafür sorgen, dass es allen immer gut geht, der handelt in hohem Maße asozial, denn er vergisst die, die jetzt ihren Einsatz und ihre Kraft zur Verfügung stellen und deren soziales Auskommen zukünftig ebenfalls gesichert sein muss.

Und was war sonst noch los in dieser Woche in der Provinz? Wenig bis gar nichts.
Es ist trübe, der Regen nieselt vor sich hin, der Ostwestfale sowieso und Stürme ereignen sich vielleicht für Herrn Trump, natürlich nicht jetzt, erst viel später und wenn überhaupt wird er seines Amtes enthoben werden können.
Schön wäre es, wenn man mit ihm weltweit auch gleich die anderen Oberhalunken entfernen könnte.
Bis es soweit ist, halte ich mich an Dieter Nuhr, der nicht darin nachlässt die These zu vertreten, dass es uns noch nie so gut ging wie heute, und zwar weltweit.
Und wer Factfullness *gelesen hat kann nachvollziehen, dass diese These untermauert werden kann.

Ich meckere also mal wieder vom ganz hohen Ross herunter. Aber irgendjemand muss es ja machen, ehrenamtlich, in der Provinz.

*Dieser Artikel enthält unbezahlte Werbung.



Warum ich nicht jeden Tag was Neues mache

Vor mir liegen die mürben Reste eines Zollstockes. Die Papierfetzen meiner eigenen Grabrede ruhen ganz oben auf dem vollen Papierkorb, der neben meinem Schreibtisch überquillt. Eigentlich müsste ich ihn dringend rausbringen, staubsaugen und die Wäschekörbe leeren.

Es kann gut sein, dass sich auf dem Grund der Körbe noch zerknitterte Klamotten aus den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts befinden.

Schaffen Sie es, Ihre Wäschekörbe immer ganz zu leeren?
Ist Ihr Haushalt tip top? Glückwunsch. Sie haben Ihr Leben im Griff oder eine Haushaltshilfe im Budget oder keinen Wachhund der einen Einsatz solcher Hilfskraft vehement zu verhindert weiß.

Nein. Moment. Wenn Sie so jemand sind, dann sind Sie jetzt nicht hier und lesen diesen Blog.

Wenn Sie diesen Blog lesen, dann kennen Sie bestimmt die Farbe Ihrer Persönlichkeit und lassen Wäsche Wäsche und Staub Staub sein.

Meine ist übrigens grün. Nein, nicht die Wäsche, zum Glück auch nicht der Staub, sondern meine Persönlichkeitsstruktur.

Grün ist die Farbe der Menschen, die andere so gut wie gar nicht stressen, weil sie quasi angenehm unauffällig und hoch kooperativ, feinsinnig und rücksichtsvoll durch ihr Leben schleichen.

Ihre Dominanz im Sinne von Durchsetzungskraft ist unterdurchschnittlich ausgeprägt.
Sie sind gewissenhaft, still und stetig. Teamarbeit geht ihnen auf die Nerven, oberflächliches Smallgetalke verursacht ihnen Migräne und Menschen, die laut, überheblich und arrogant sind fördern ihr Bedürfnis sich zu übergeben.

Sie können sich stundenlang allein beschäftigen mit lesen, lesen, lesen, musizieren, philosophieren, schreiben, vielleicht mal ein aufregendes Puzzle zur Entspannung.

Es mangelt diesen grünen Typen massiv an Durchsetzungsstärke. Beharrlich und gewissenhaft gehen sie den Dingen so lange und so gründlich nach, bis sie längst von all den extravertierten roten und blauen und gelben Persönlichkeiten überholt worden sind.

Ich bin also grün. Na schön.

Sie brauchen mehr Mut, sagt mir der Mann in dem Video. Wagen Sie etwas, tun sie jeden Tag etwas Neues, ermuntert er mich und fordert dazu auf, sich mittels eines Zollstockes bewusst zu machen, wieviel Lebenszeit bereits verstrichen ist und was noch übrig bleibt.

Jeden Tag etwas Neues? Der spinnt doch. Das ist viel zu viel. Außerdem putze ich mir die Zähne ab und zu mit links obwohl ich Rechtshänder bin.
Und ich gehe auch jeden zweiten Tag eine andere Runde mit dem Hund.
Außerdem bin ich dazu übergegangen, meine durchweg schwarze Kleidung mit dunkelblau, dunkelgrün und – Achtung – pink und rot zu erfrischen!

Das muss reichen!

Gehen Sie von einer Lebenserwartung von durchschnittlich 80 Jahren aus, tönt mir der erfahrene Online-Coach entgegen.

Ich breche den Stab und jage mir prompt einen Splitter in den Mittelfinger, was, wenn sich daraus eine Sepsis ergeben sollte, meine Lebenserwartung noch einmal um etliche Zentimeter dezimieren dürfte.

Jetzt brechen Sie noch mal 10 Zentimeter ab. Ich breche 12,5 ab, wegen der drohenden Blutvergiftung.
Das sei die Zeit, in der ich möglicherweise nicht mehr fit sei. Was bleibt Ihnen noch?
Haben Sie jetzt noch Zeit zu vergeuden
? droht es mir entgegen.

Er schlägt mir angesichts meines nahenden Todes vor, mit mir gemeinsam in den kommenden 99 Wochen (Alter, das sind zwei Jahre!) meine Persönlichkeit so zu entwickeln und zu formen, dass sich in kürzester Zeit mein Leben in eine glückliche, weil aktivere und extravertiertere und erfolgreiche Variante verändern wird.

Puh. Hört sich so an, als müsse ich meine Komfortzone verlassen.
Verlassen Sie Ihre Komfortzone, jauchzt mir der Mentaltrainer zu.

Mein Blick wandert zu den Wäschekörben und den darin vermutlich noch schlummernden Kleidern aus den vergangenen knapp vierzig Jahren.

Genauso retro erscheinen mir die Vorschläge des Coaches zu sein. Okay. Er sprach davon, dass er mehr als 30 Jahre im Geschäft sei und nunmehr all seine unschätzbar wertvollen Erkenntnisse zu einem ganz besonderen Coachingpaket zu einem absoluten Black-Friday-Schnäppchen-Preis zusammengeschnürt habe.

Stellen Sie sich vor, was die Menschen, die an Ihrem Grab stehen über Sie denken und sagen werden, höre ich den Coach weiter fabulieren, sind es genau die Worte, die Sie über sich hören wollen?

Es ist mir vollkommen schnuppe, was Menschen, die mir nicht nahestehen über mich denken. Jetzt und auch in Zukunft und sowieso nach meinem Tod.

Ich solle mich nun mit meiner eigenen Grabrede beschäftigen.
Okay. Das ist schnell gemacht.

Sie war eine grüne Persönlichkeit. Meistens war sie warmherzig und offen unterwegs, am liebstem mit dem Hund im Wald oder im Programmkino oder mit den engsten Familienmitgliedern oder den zwei vorhandenen Freunden in einem schönen Restaurant bei gutem Essen und bestem Wein, wahlweise belgischem Bier.

Wer sie verletzte oder anlog oder übervorteilte, der war raus, und zwar für immer, wo vorher ein warmes Feuer brannte, entstand dann eine eiskalte Aschewüste.

Auf Reisen musste sie sich lange vorbereiten und bekam jedesmal kurz vor Reiseantritt einen Nervenzusammenbruch, weil das Abenteuer zu groß, die Eindrücke zu neu, es zuhause doch am schönsten ist und überhaupt der Hund während ihrer Abwesenheit bestimmt sterben würde.

Eine Handvoll Menschen lagen ihr sehr am Herzen, sie liebte tief und stellte ihre Liebsten und deren Wohlergehen immer an erste Stelle.
Doch sie sorgte auch für sich. Sehr gut sogar und sie machte lebenslang immer das, was sie wollte und was in die jeweilige Lebensphase passte.

Sie war klar im Denken, tief im Fühlen und langsam im Laufen.
Sie interessierte sich für fast alles, außer für Mathe.
Sie war wissensdurstig und auf ihre Art ehrgeizig und sie konnte ungehemmt faul und hedonistisch ihr Dasein verdaddeln. Und das war auch gut so.

Sie liebte Musik von John Miles, Genesis und Aretha Franklin. Pop, Rock und Jazz der 70er und 80er Jahre, wenig Klassik. Sie sang und versuchte lebenslang einigermaßen Klavier zu spielen.

Ihr Humor war oft speziell und nur Insidern zugänglich, manchmal dreckig, versaut und rabenschwarz.
Sie mochte ihr Leben so wie es war, mit allen Höhen und Tiefen.

Man sah es ihr nicht an, aber sie stand total auf Mode. Gerne hätte sie lange Locken statt dünner Spinnwebenhaare gehabt.

Haushalt fand Sie scheiße.
Und den Tod auch.

Stimmung und Setting: Friedwald, Urne, dunkelblau lasiert, Loch unter Buche, Abstand zu den anderen Urnen so groß wie möglich.
Maßvolle Trauer der 7 Anwesenden, Fokus auf gute Erinnerungen, denn ich bin trotz coachbasierter Prognose 105 geworden.
Der Förster liest meine Grabrede, neben ihm sitzt brav sein Dackel.
John Miles „Music“ und Gloria Gaynor „Survive“ lassen mich fliegen.

Na bitte.

Da werde ich jetzt doch nicht anfangen und alles auf den Kopf stellen?
Außer vielleicht die Wäschekörbe.

Aber vorher schmeiße ich die Reste des Zollstocks in den Müll und leere den Papierkorb.
Und dann mache ich mal was ganz Verrücktes:

Kino. Aretha Franklin. Und dazu mitten am Nachmittag einen schönen Grauburgunder!
Auf das Leben ihr Lieben.





Laubgeblase

Sie grüßen freundlich, beherrschen die gängigen Smalltalkthemen und sind einfach nette Mitmenschen.
Und dann kommt der Herbst. Der späte Herbst. Der November. Und er erhellt grausam, was der Sommer verborgen hielt.

Die selben Menschen, die eben noch so sympathisch entspannt waren, Menschen, von denen man glaubte, sie könnten eines fernen Tages möglicherweise zu guten Bekannten, Freunden, ja Seelenverwandten aufsteigen, begehen ein schwerwiegendes Delikt.

Sie setzen den akkubetriebenen Laubbläser in Gang.

Die zarte Pflanze knospender Sympathie kann dem tosenden Tod nicht entrinnen.
Es zieht sie hinfort mit dem niederen, vermodernden Laub, das sich noch einmal empor hebt, dem Laubbläser sei Dank, um sich dann, nur einige Zentimeter weiter dem Verrotten hinzugeben.

Tränen tiefer Enttäuschung laufen mir über die rosigen Wangen. Rotz tropft aus meiner Nase auf den blattfreien Asphalt. Ich schluchze meine Erschütterung hemmungslos aus den Tiefen meiner verletzen Seele heraus. Die Suche nach einem Taschentusch bringt nur eine Hundekottüte zum Vorschein.

Warum?
Mein wütender Verzweiflungsschrei entflieht in das Getöse des heulenden Motors mit der Lizenz zum Pusten.

Black Friday.

Es klingelt. Ein Paket. Für mich. Amazon.

Liebe Christine,
Für dich. Sei nicht mehr traurig! Jetzt hast du auch einen.
In Liebe,

Deine Nachbarn

Ich brauche ein Bier.



Der Fall S.*


Es ist schon eine ganze Weile her. Aber ich erinnere mich gut an ihn. Der S.*

S. lebte seit gefühlten Ewigkeiten mitten unter uns. Er war immer dabei. Selbstverständlich war er dabei. Er gehörte zu uns und wir zu ihm.

Er sah gut aus, grinste verschmitzt und war einfach unglaublich süß. Er trug bunte Klamotten und Hüte, sang lustige Lieder, dichtete unsinnige Reime und war erfüllt von Lebensfreude, mit der er uns ansteckte. Er war frei und unabhängig.
Und er hatte einen so knackigen Hintern, dass mir bei dem Gedanken daran noch heute wohlige Schauer den Rücken herunter prickeln. Das war S.

Jedenfalls: Wir waren alle verliebt in ihn. Und er in uns. Er verströmte sich. Einfach so. Mein Gott, was war der Typ sexy!
Er machte unser Leben leicht und einfach; auch wenn es das nicht wirklich immer war. Wo S. war wurde früher oder später gelacht. Und wenn das nicht gelang, dann immerhin gelächelt. Und wenn das nicht ging, dann eben geschmunzelt und getröstet.


Ja wir lachten. Wir lachten sogar über Dinge, die gar nicht zum Lachen waren.

Eines Tages tauchte dieser E.* auf. Groß gewachsen und in elegantes Grau gekleidet stellte er alles in Frage, was S. sagte und tat. Er argumentierte auf scheinbar so hohem Niveau, dass niemand hinterfragte, was sein wahres Ziel ist.
Er hielt große Reden darüber, dass die Lage bedenklich und bedrohlich sei wie nie. Er wußte alles über das richtige, weil erfolgreiche Leben und darüber, was man tun und lassen müsse, damit die anderen uns erstens nicht zu nah kommen und zweitens unser Ansehen nicht beschädigt würde.

Er wusste, was die wirklich wichtigen Dinge sind und wie man sie erreichen könne.
Und er wurde nicht müde zu betonten, das einer ganz gewiss nicht in ein sinnvolles und erfolgreiches Leben gehörte. Der S.

Jetzt war das Zeitalter E. am Start.

Die ersten von uns wechselten ihre bunten Socken sehr schnell gegen anthrazitfarbene und tauschten die Hüte gegen Helme. Sie taten es freiwillig. Und viele folgten ihnen und begannen die zu verhöhnen, die es ihnen nicht gleichtaten und stattdessen die Lieder des S. sangen und seine Reime rezitierten, Rotwein zum Leberwurstbrot tranken und ungefiltert in die Welt grinsten.

Irgendwann war dann alles grau, gereizt und angespannt. Bunt war zur Gefahr geworden.
E. hatte gewonnen.
Es gab nur noch Probleme. Jeder der gute Laune hatte oder gar lächelte wurde als Kiffer oder Alkoholiker verdächtigt.
Und jeder der etwas aß oder trank oder rauchte oder sagte, was man nicht mehr essen, trinken, rauchen oder sagen dürfen sollte, wurde in schwere Gewissensketten gelegt, geshitstormed oder gemobbt – wahlweise getötet.

Der graue E. hat seine Macht ausgebaut und gefestigt.

S. sitzt immer noch halb verhungert mit einer Platzwunde an der Stirn in einer dunklen Nische seiner Gefängniszelle. Seine einst rotblonden Locken sind zu lichten Strähnen verkommen. Der verwaschene Overall hängt fadenscheinig und viel zu groß an ihm herunter. Es ist dunkel in der Zelle.

Aber seine blauen Augen leuchten, verschmitzt, immer noch! Und jetzt steht er auf. Wow. Und mir laufen wieder diese Schauer über den Rücken. Was ist der Typ doch immer noch sexy.

End of Story.

PS. Bisschen düster dieser kleine Fall, nicht wahr?
Aber so könnte es aussehen, wenn Angst und dünnhäutige Moral sich die Maske des *Ernst des Lebens aufsetzen und mal eben den *Spaß in den Knast stecken um ihn dort verhungern zu lassen.

Lasst uns bunte Socken anziehen, singen, reimen und lachen und damit den Spaß befreien. Hey, auf den Spaß des Lebens! Ein Bier (mit Alkohol) auf den Fall S.

The Fabulous 4

Montag. Unitag. Hundetag.
Eigentlich.
Denn dann kommt alles ganz anders.
Wenn man als Frau in der Lebensphase U100 viele Stunden in der Woche inmitten von jungen, überwiegend schlanken, meist attraktiven, sehr oft intelligenten und zum Teil freundlichen Menschen sitzt, weil man meint, einen weiteren Studienabschluss machen zu müssen, dann hat das Auswirkungen.

Man sitzt. Im Hörsaal, im Seminarraum, in der Bibliothek, am Schreibtisch.
Und wenn man dann irgendwann mal steht, vorm Spiegel zum Beispiel, dann folgert die sehende Frau, dass es so nicht weiter geht.
Früher war alles an mir irgendwie anders, vor allem straffer und weniger fett.

Eigentlich ist Montag der Tag, an dem meine Hündin in der Hundeschule lernen soll, dass es vollkommen in Ordnung ist, dass auch Hunde anderer Rassen eine Daseinsberechtigung haben und Höflichkeit und Respekt auch in Hundekreisen wünschenswerte Eigenschaften sind.

Ja, leider ist meine Hündin eine Rassistin, die alles, was nicht ihrem Kaliber und Aussehen entspricht niedermachen möchte.

Ich mag sie trotzdem und lasse nicht nach, ihre zweifelhaften Überzeugungen ins freundliche Gegenteil zu verkehren, denn wir wissen ja, dass kläffende Arschlöcher im Grunde nur nach Liebe schreien und in 99% der Fälle ängstliche kleine Scheißer sind.

Entscheidung.
Montag. Lauftag. Keine Hundeschule. Ich muss endlich wieder ins Laufen kommen.
Sportplatz.

Runde 1: Es ist kalt, es ist dunkel, mein Herz rast und ich frage mich erstens, was ich hier tue, zweitens, seit wann 400 Meter so lang sind und drittens, was ich zum Abendessen einkaufen werde. Würstchen. Hm lecker. Mit Kartoffelsalat. Und ein schönes Helles dazu.
Ich beschleunige. Etwas.

Runde 3: Mir ist warm, ich habe ein angenehmes Tempo gefunden und lasse mich weder von der Gazelle, die mich schon zweimal überrundet hat, noch von dem Mann, der noch älter aber dennoch schneller ist als ich, aus dem Rhythmus bringen.
Und was soll ich zum Abendessen einkaufen? Broccoli und ein Spiegelei. Und dazu einen leckeren Kirschsaft. Oh ja.

Runde 6: Ich kann nicht mehr. Ich muss einfach wieder öfter joggen. Zweimal in der Woche wenigstens. Früher…. Bullshit. Früher war gestern. Lauf, gib Gas, nächste Runde. Und das Essen? Irgendwie habe ich gar keinen Hunger.

Runde 9: Eigentlich hatte ich nach Runde 7 keine Lust mehr. Aber da geht immer noch was.
Du bist fitter als andere Frauen in deinem Alter, sagt auch meine TomTom-Uhr. Die Aussichten sind hoffnungsvoll.
Und zum Abendessen? Salat und eine fantastische Saftschorle. Geht doch.

Montag. Später.
Mein Knie tut weh. Gerade jetzt, wo ich wieder anfangen wollte. Google sagt, dass das daran liegen kann, dass ich es übertrieben habe und nicht gut trainiert bin. Dehnen und Muskeln aufbauen.
Eine Nacht drüber schlafen und wenn es nach spätestens drei Tagen nicht besser ist, den Arzt aufsuchen.

Update.
Dienstag. Das Knie tut nicht mehr weh. Die Hündin ist friedlich. Und morgen ist wieder Sportplatztag.



Du bist so emotional!

Kennen Sie das?
Sie sitzen entspannt mit ein paar Menschen zusammen, die Ihnen mehr oder weniger nah stehen.

Sie hören zu, fragen nach, beobachten, lesen zwischen den Zeilen, fühlen mit.
Sie grenzen sich ab, kramen in Ihrem Hirn nach sinnvollen Vernetzungen, reflektieren noch einmal, ob das, was Sie da gleich raushauen wollen Ihren Werten entspricht, thematisch passt und nach bestem Wissen und Gewissen richtig ist; und Ihr Gegenüber nicht angreift oder verletzt.
Und dann sagen Sie schließlich etwas.

Und prompt trifft Sie dieser Satz.
Du bist so emotional!

Was in dieser Interpretation so viel heißen soll wie: Du bist der Prototyp des Wattebäuschchen-Werfers, du bist der Chef-Lober aus dieser Bloß-keinen-Druck-Fraktion. Einer von denen, die dauernd über alles reden wollen und vom wirklichen Leben, das selbstverständlich nur von den richtig harten Hunden bewerkstelligt werden kann, keine Ahnung haben.

Ich überziehe vorsätzlich.

Kenner der Szene mögen erwidern, dass Mitmenschen, die sich über Emotionalität oder beliebige andere Eigenschaften ihrer Mitmenschen lustig machen und ausschließlich in einen abwertenden Kontext stellen, damit tiefe Einblicke in ihr Innenleben bieten, das alles andere als ausgeglichen ist.
Im Übrigen sind derartige Anwandlungen zarte Pflänzchen die sich gerne mal zu fetten Rassismusbüschen auswachsen.

Psychiater oder Psychotherapeuten könnten an dieser Stelle sicher noch sehr viel mehr Gründe dafür ins Feld führen, warum manche Menschen mehr oder weniger Emotionalität haben und welche Zusammenhänge darüber hinaus mit anderen gesellschaftlichen Entwicklungen bestehen.

Es ist müßig und anstrengend, sich als Normalmensch den Kopf über die Ursachen für menschliches Verhalten zu zerbrechen.

Persönlich bevorzuge ich inzwischen die pragmatische Wenn-Dann-Formel. Soll heißen, Verhalten hat Konsequenzen. Ganz schön hart, oder? Ganz schön emotionslos, oder?

Nein. Im Ernst. Hier soll eine Lanze für die Menschen gebrochen werden, denen dieses abwertend gemeinte Du bist so emotional! und auch alle erdenklich anderen Etiketten, die mit Du bist anfangen und BlaBlaBla enden, langsam aber sicher gehörig auf den Keks geht.

Auch oder vielleicht gerade ein Mensch, der über Selbstbewusstsein verfügt und geneigt ist wahre Beweggründe für unsoziales Verhalten zu erahnen, ist verletzlich, wenn er gedankenlos, respektlos und unverschämt in irgendeine altmodische Schublade gestopft wird oder sogar Schlimmeres.

Ich schreibe das hier für alle, die an sich selbst manchmal mehr zweifeln als an anderen, wohlwissend, dass es ohne eine gesunde emotionale Ausstattung nur sehr schwer ist, das Leben mit Erfolg zu meistern. Und mit Erfolg meine ich in diesem Zusammenhang nur bedingt den monetären.

Gerade die Menschen, die ihre Emotionalität im Griff haben tun nämlich genau das: Sie leben ihr Leben und lassen den anderen das ihre.

Sie machen anstatt zu labern.
Sie nehmen sich selbst ernst aber auch auf die Schippe.
Sie scheitern und versuchen es wieder oder machen es anders.

Sie versuchen, andere Sicht- und Denkweisen zu verstehen.
Sie sind auf Konsens aus.
Und sie haben in letzter Konsequenz den Mut, Situationen zu verändern.


Es zeugt von solider psychischer Gesundheit und Selbstverantwortung, Emotionen wahrnehmen, nutzen, verstehen und beeinflussen zu können.
Emotionen entstehen im Gehirn. Und ein einigermaßen intelligentes Exemplar ist in der Lage, in vielen Lernschritten emotionale Prozesse so zu steuern, dass sie nützlich und sinnvoll sind.

Marcel Proust schreibt in seinem Roman Auf der Suche nach der verlorenen Zeit:

„Was tut es denn, ob einer Herzog oder Droschkenkutscher ist, wenn er Geist und Herzensbildung besitzt.“







Keine beste Freundin

Meine Erfahrungen mit dem Typ beste Freundin sind so unterirdisch mies, dass ich irgendwann entschieden habe, es ohne zu versuchen.

Die beste Freundin ist so selten wie ein Lottogewinn. Und da man statistisch gesehen eher vom Blitz getroffen wird, als ’ne Million zu gewinnen kann man das Thema im Prinzip von vornherein ad acta legen.

Ich habe keine Ahnung, wie es sich anfühlt, eine wirklich beste Freundin zu haben. Denn die, von denen ich berichten kann, waren eines bestimmt nicht: beste Freundin.

Ich schreibe das ohne Groll. Es lebe das kleine Schmunzeln des stillen Humors.

Meine erste beste Freundin war deshalb keine, weil sie sich überhaupt nicht für mich interessierte.
Und mir ging es mit ihr genauso. Ich fühlte mich in ihrer Gegenwart sogar unwohl und gehemmt.

Dennoch ging jede Initiative den Kontakt aufrecht zu erhalten von mir aus. Ich dachte, wenn jeder eine beste Freundin hat, bräuchte ich auch eine. Folgerichtig riss der seidene Faden zwischen uns.

Meine zweite beste Freundin spannte mir meinen Freund aus. Ich würde sagen, das ist eine Disqualifikation ersten Grades, die jeden weiteren Kommentar unnötig macht.

Die dritte Dame der Kategorie beste Freundin unterstellte mir, dass ich ihren Mann anbaggern würde.

Mal ganz unter uns. Damals, mit Ende zwanzig, war ich mit passabler Attraktivität gesegnet; soll heißen, wenn ich es wirklich darauf angelegt hätte, wäre das so schnell gegangen, dass die Gute gar keine Zeit mehr gehabt hätte, es zu bemerken.
Ich habe tatsächlich nicht gebaggert und Eifersucht unter Freunden ist ein NoGo.

Nummer Vier erstickte mich mit ihrer Egozentrik und Extravaganz. Und ich habe einige Jahre die Straßenseite gewechselt, wenn ich sie nur von Weitem heranschreiten sah.

Für Nummer fünf war ich Freundin, wenn ich für sie nützlich war und sie sich Informationen oder Dienstleistungen von mir erhoffte. Ansonsten glich ich der heißen Kartoffel im freien Fall.

Auch der Versuch mit der Variante Typ bester Freund scheiterte fulminant.

Was soll dieser Bullshit?

Niemand, wirklich niemand möchte beliebig austauschbar sein. Niemand möchte sich belügen und betrügen lassen, geschweige denn um Zuneigung kämpfen. Oder wie ein Gespenst nur dann aus dem Schrank geholt werden, wenn es im eigenen Zimmer noch dunkler ist.

Die Sehnsucht nach Freundschaft kann schmerzlich sein.

Aber immer dann, wenn wir fast schon verzweifelt danach suchen, werden wir blind für die Menschen, die uns wirklich nah stehen.

Menschen, die beobachten und zuhören, bevor sie Stellung beziehen oder gar kritisieren. Menschen, in deren Gegenwart man das Gefühl hat, sein zu können wie man ist und im wahrsten Sinne des Wortes Er-Wachsen kann.

Menschen, die einen wie die Maus Frederik mit Sonne beschenken, die man für die dunkleren Tage bitter nötig hat.

Das Phantom beste Freundin oder bester Freund ist es nicht wert, gejagt zu werden.

Es ist nicht die oder eine beste Freundin, die ich brauche.

Es sind zwei oder drei Menschen des innersten Kreises, der individuell definiert ist.
Menschen, auf die Verlass ist. Persönlichkeiten, die Veränderungen, Entfernungen und Umstände aushalten können und wollen.
Weggefährten, mit denen man gute Zeiten verbringen kann, ins Kino geht, ein Hobby teilt.
Die, die man immer anrufen kann. Egal wie spät es ist, egal, um was es geht. Menschen, die agieren und reagieren. Menschen, mit einem Gespür für das Gegenüber und dessen Befindlichkeiten.

Charakterköpfe und -herzen, die sich nicht ausspannen und ablenken lassen von Flitter und Glamour oder von vergrämten Lästermäulern, die Umwelt und Mitmenschen belasten und vergiften.

Wie war das mit Judas damals? Er küsste seinen Freund Jesus und lieferte ihn damit einem tödlichen Schicksal aus.
Scheißkerl, dieser Judas. Einer, der die Jahrtausende überlebt zu haben scheint.

Aber, hey, kein Grund, Trübsal zu blasen.
Stehen wir zu uns selbst, machen unser Ding und richten uns auf und den Blick nach Vorn. Damit wächst die Chance, Menschen auf Augenhöhe zu treffen.

Leute, die an ihren Erfahrungen gereift und in der Lage sind, sich mutig auf verbindliche und zuverlässige Beziehungen einzulassen. Leute, die noch lachen und weinen können.

Die Beziehungen, auf die es wirklich ankommt, brauchen keine Namen.
Die Menschen, die uns wahrhaftig begegnen, können wir meinetwegen Freunde nennen.
Oder Ehemänner. Oder Ehefrauen. Oder Nachbarn. Oder Arbeitskollegen. Oder Brüder. Oder Schwestern.

Oder Hund.
Eine Runde drehen und einen tiefen Blick mit dem Vierbeiner austauschen schafft für einen Moment das, was man sich von einem Freund wünscht: Verbundenheit und Vertrauen.







Warum der rosa Schuh türkis ist

Welche Farbe hat der Schuh für dich?
Ich sehe einen rosa Sneaker mit weißen Streifen.

Rosa. Warum?
Ich sehe einen steingrauen Sneaker mit türkisen Schnürsenkeln.

Türkise Schnürsenkel? Ich sehe genauer hin, denke türkis, denke steingrau und erahne nur unter großer Anstrengung und mit viel Fantasie, dass man diesen eindeutig rosafarbenen Schuh auch ganz anders sehen kann.

Erkenntnistheorie, Ideenlehre, Platon, sie wabern als heilige Dreifaltigkeit durch mein vernetztes Hirn.
Man kann zwar Aussagen machen, die wahr sind, aber man kann nicht wirklich wissen, ob sie es auch sind.

Hirnforscher und Philosophen. Wahrnehmen und Wissen. Und was bringt uns das alles für unser tägliches Miteinander?

Die nächste große Innovation wird vermutlich keine neue Technologie sein, sagt der Neurowissenschaftler Beau Lotto, sondern eine neue Art, die Dinge zu betrachten.

Im Auge des Betrachters liegt nicht nur Schönes. Aber darum geht es nicht.

Die Vorstellung, dass wir eines Tages tatsächlich in der Lage sind, mit den Augen des anderen zu sehen und zu fühlen, wäre in der Tat eine sehr große Innovation.

Die Fragen, die es dazu zu stellen gilt, um Wahrnehmungen abzugleichen sind vielen von uns lästig. Wer zu viel fragt ist gefährdet, als Nervensäge, juveniler Spinner oder Idealist nicht ernst genommen zu werden.
Wie angenehm sind einfache Antworten und Lösungen ohne Verfallsdatum. Schlichte Rückgriffe auf Erfahrungen, die man abrufbereit zum Besten geben kann. Haben wir schon immer so gemacht, macht man so, ist so.

Kreativität und Innovation gelingt nur dort, wo man sich einlassen kann und Fragen stellt. Generationen, Geschlechter, Kulturen müssen aufhören, ihre Antworten wiederzukäuen und stattdessen fragen: welche Farbe hat der Schuh für dich?

Wer nicht fragt bleibt dumm. Wer nicht fragt und stattdessen in seinem Korsett aus den immer selben Antworten verharrt, veraltet schneller als ihm lieb ist, unabhängig davon, ob man 30, 50 oder 80 ist. Man ist nicht zu alt, man ist meistens nur zu faul, sich um Verständnis und Erkenntnis zu bemühen.

Für mich ist der Sneaker immer noch rosa mit weißen Streifen. Und ja, es ist anstrengend, die andere Perspektive und Wahrnehmung in Betracht zu ziehen.

Doch wie viel Spaß könnte es machen, rosa mit türkis zu mischen und zu schauen, was dabei heraus kommt?



Le problème avec l’empathie

In Französisch hört es sich charmant an. Le problème avec l’empathie est que vous vous sentez désolé pour les trous du cul aussi.
Das Problem mit der Empathie ist, dass man auch mit den Arschlöchern mitfühlt.

In Millisekunden denke ich, was ist das? bestimmt ist er in einer Notlage, kann nicht laufen, hat seinen Hund verloren und gerade wiedergefunden, der Arme, hatte bestimmt jede Menge Angst und Sorgen, das Auto sieht so aus, als ginge es ihm ohnehin nicht so gut, wie kann ich helfen.

Der Hund, der neben dem fahrenden Auto läuft und sich meinem Hovawart erschreckend schnell nähert, ist so groß wie ein Kaninchen.
Enja, angeleint, schaut interessiert, hebt die Rute und zieht in Richtung Minihündchen. Ich beginne zu schwitzen. Kleine Hunde sind bei Enja in der Kategorie Futter und Beute eingeordnet. Und wer in der Schublade drin ist, der kommt nicht mehr raus.

Ich atme, lockere meine Schultern und rede mir ein, dass ich vollkommen ruhig und entspannt bin.
Aber plötzlich ist meine vorauseilende Empathie weg. Das Monster in mir übernimmt.

Der abgewrackte Prolltyp in seiner Schrottkarre lässt seinen Minihund tatsächlich am Auto laufen. Ich fasse es nicht und bin so schnell auf Krawall gebürstet wie schon seit Ewigkeiten nicht mehr.

Inzwischen hat er uns erreicht und schält sich aus seinem Vehikel. Der Versuch, seinen kleinen Schatz einzufangen scheitert vollumfänglich. Der Mini möchte lieber Freundschaft mit meiner Hovawartin schließen.

Na toll. Null Kontrolle der Typ, aber den Hund am fahrenden Auto laufen lassen.

Enja schnuppert dem Kleinteil wohlwollend am Minihintern und bleibt ruhig. Ich nicht.
In meiner übelsten Manier schnauze ich den Typen an. Dass er gefälligst aus dem Auto zu steigen habe wenn er seinen Hund ausführt.

Im Geiste gehe ich das Strafrecht durch. Nichts relevantes. Bürgerliches Recht. Privatautonomie. Gleichstellung. Shit.
Aber dann, die Straßenverkehrsordnung. Bingo. §28 glaube ich, gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr oder so.

Wissen Sie eigentlich, dass Sie hier gerade eine Ordnungswidrigkeit begehen?
Pissen Se mich nicht an, kräht es aus dem Krater mit den braunen Vorderzähnen, geht Se ’n Scheißdreck an.

Er hat recht, denke ich, §90, er kann mit seiner Sache machen was er will. Aber §90a. Hunde sind zwar Sachen, dürfen aber nicht so behandelt werden.

Und überhaupt, schnauze ich zurück, das was Sie hier machen ist auch tierschutzrechtlich nicht in Ordnung. Ich habe keine Ahnung ob das stimmt, lege aber alles an Überzeugung rein, was ich gerade dabei habe.

Na und, brüllt der Typ, sehen se zu, dass se Land gewinnen.

Ich bleibe stehen. Enja, Hilfspolizistin, auch. Wir beide, eine Einheit der Gerechtigkeit, rühren uns nicht vom Fleck.

Wenn meine Intuition mich nicht täuscht, habe ich das Männlein im Walde doch verunsichert. Ich starre weiter unbeeindruckt auf das Nummernschild seines Autos, hole mein Handy ‚raus und notiere. Also ich tue so als ob. Was für eine tolle „Politesse“ ich doch sein könnte.
Er brüllt erneut, dass ich abhauen soll.

Ich bleibe wo ich bin, er fährt langsam davon und ich frage mich, ob ich das Ganze nicht einfach wegatmen und mit einem mitfühlenden Om mani padme hum, dem Mantra des Mitgefühls, ad acta hätte legen sollen.

Kurz danach bestätigt mich die Yogalehrerin höchstpersönlich darin, dass ein Ausbruch zur rechten Zeit auch den Besten unter den Gelassenen passiert.

Der fließende Verkehr verhindert, dass ich aus dem Feldweg auf die Hauptstraße abbiegen kann. Die Enge des Feldweges verhindert, dass ein anderes Auto in denselben einbiegen kann.

Ein Umstand, der mich life erleben lässt, dass auch eine ausgewiesene Yoga-OM-Frau total die Contenance verliert, weil sie 1 Minute warten muss, um ihren Weg fortsetzen zu können.
Ich stehe, sie steht, wir kommen beide nicht voran. Ich nicht raus, sie nicht rein.
Wild gestikulierend macht sie mich an, schimpft und flucht in meine Richtung.

Und ich?

Habe zu meiner guten alten Empathie zurückgefunden. Om. Le problème avec l’empathie est que vous vous sentez désolé pour les trous du cul aussi.


Erstmal Ruhe reinbringen

Manchmal bin ich rigoros. Das äußert sich darin, dass ich in einen Wegwerf-Entrümpelungs- Brauchichnichtmehr – Lösch-Modus verfalle, der brachial und kräftig wie eine Dampfwalze alles platt macht.

Im Grunde ist es ja toll, wenn man im mittleren bis höheren Alter noch über derart überschäumendes und kurzsichtiges Temperament verfügt.
Aber von Zeit zu Zeit nerven diese frühkindlich-trotzigen Eskapaden. Nicht nur mich, sondern auch die anderen.

Zum Glück habe ich einen Hund. Nein, nicht einfach einen Hund, einen Hovawart 😉
Und vieles, was man im Umgang mit Hunden und von ihrem Verhalten lernt und inzwischen weiß ist auch für die menschliche Persönlichkeitsentwicklung nützlich.
Kritiker möchten mich angesichts dieser These möglicherweise wegen vorsätzlicher Vereinfachung anzeigen. Meine Empfehlung: siehe unten.

Es gibt diese wunderbare Übung, die man mit nervösen, verspielten Welpen oder solche die sich dafür halten macht, um sie zur Ruhe zu bringen.
Die Deckenübung.
Der unruhige Hund wird immer wieder auf die Decke oder in ein Körbchen gesetzt, bis er gelernt hat, dass auf der Decke IMMER Ruhe herrscht.

Die Decke ist eine Insel.
Hier passiert grundsätzlich nichts außer rumliegen und gucken und sich ansonsten nicht rühren.

Genau diese wundervolle Übung zum Runterkommen und Entspannen werde ich bei mir selbst anwenden.
Immer dann, wenn Gedanken, Worte und Taten überschäumen und drohen Unheil anzurichten, gebe ich mir zukünftig das Kommando Decke.

In hip: Die 30-Tage-Challenge Decke geht an den Start.

Ruhe, atmen, gucken und die Klappe halten. Und wenn möglich noch mal drüber nachdenken, was man da gerade so im Schilde führt.

Wenn ich mich so umschaue, dann macht es Sinn, auch andere Menschen zur Decken-Challenge einzuladen. Mister Trump, Zar Putin, Herr Erdogan und last but not least Sir Boris of Great Britain.

Da sitzen sie brav auf ihren Decken. Was für eine entspannte und zuversichtliche Idee.