Der Hund dreht durch wir drehen mit

Wie lange halten wir uns jetzt schon diszipliniert an die Regeln? Gefühlte Äonen.
Selbst jemandem wie mir, eine Verfechterin von fein dosiertem Sozialleben und Wohlwollen gegenüber gesetzlichen Normen und Regeln, geht die Sache allmählich auf den Keks.

Und so stimmte ich todesmutig und aus dem Bauch meines Risikogruppendaseins heraus zu, als die Tochter des Hauses einen Besuchstermin anfragte.

Ja aber ohne Umarmen und wir setzen uns weit auseinander beim Essen!
Bogen gehen und fein Sitz machen. Die Welpenschule lässt grüßen.

Niemand von uns ist erpicht darauf, sich einen schweren Verlauf dieses Virus einzufangen.
Also ich weiß nicht wie es Ihnen geht, aber ich möchte mir kein Loch in den Hals bohren und Schläuche in die Lunge verlegen lassen, um dann wie ein Luftballon aufgepumpt am Leben erhalten zu werden.

Wenig gewillt bin ich auch bezüglich mittelschwerer bis leichter Corvid 19 Varianten mit Atemnot und tagelangem hohen Fieber!

Bei mir herrscht schon Notstand, wenn ich mich an der eigenen Spucke verschlucke und sich die Luftröhre panisch verengt.

Und die Vorstellung, dass es jemanden aus der Familie erwischen könnte, oder gar den Hund, lasse ich gar nicht zu. Exitus ist in meinen mentalen Regalen so aus wie Klopapier und Nudeln im Discounter.

Der Gedanke an ein Glas Sekt jedoch,  genossen mit jenen symptomfreien Menschen aus dem großzügig definierten Familienkreis macht aus mir eine Draufgängerin, if life is boring you risk it, Ischgl war gestern, Corona Beben in der ostwestfälischen Provinz.
Heißt, die Lightversion für brave Draufgänger.

Denn gleichzeitig frage ich mich, ob es überhaupt angemessen ist, zu lachen und sich über Muskelkater, Übergewicht und Stirnfalten austauschen, während in anderen Teilen des Landes und der Welt Menschen wie die Fliegen sterben, Überleben kaum noch ohne fremde Hilfe möglich ist und Helfer hier und da über die eigenen Grenzen und viel weiter gehen.

Darf man in Zeiten von Krisen und Krieg oder gar Krisen wie Krieg einfach so leben, so trivial, darf man Humor haben, auch schwarzen Humor?
Darf man sich fragen, ob Bestatter und Trauerredner jetzt vielleicht endlich mal den Coup Ihres Lebens landen, weil das Geschäft brummt wie noch nie?

Darf ich es doof finden, dass mein Lieblingspodcast den Moderator gewechselt hat?

Müssten wir nicht alle in Demut den Boden knutschen, weil wir das Glück haben hier zu leben und nicht da, so leben zu können und nicht so leben zu müssen?

Haben Sie auch manchmal ein schlechtes Gewissen, weil sie von der Krise kaum behelligt dennoch Probleme wälzen, die gar keine sind?

Keine Sorge. Fragen wie diese, sollten Sie sie stellen, sind temporäre Erscheinungen. Das geht vorbei! Bleiben Sie optimistisch.

Die Menschheit wird dezimiert aber nicht geläutert aus dieser Krise hervorgehen. Corona macht uns nicht zu einer besseren Version unserer Selbst.

Wir stehen schon in den Startlöchern, wir wollen wieder loslegen! Und wissen Sie was? Das ist auch gut so.

Wir leben um zu leben. Und Leben ist so individuell wie trivial. Wenn wir uns auf vergangenheitsbezogene Sinnfragen konzentrieren verpassen wir die Chancen der Gegenwart und die Lust auf die Zukunft! Mit allen Risiken und Nebenwirkungen. Mit allem was ist und vergeht.

Was kommt in dieser schweren Krise zum Vorschein, das vorher schon Mist war und welche Energien müssen wir in Zukunft einsetzen, um nicht immer wieder die selben Fehler zu machen. Wie schaffen wir Platz für neue Fehler und Risiken?

Das hört sich für sie masochistisch an? Oder beschränkt? Naja. Können wir das Rad neu erfinden? Ich glaube nicht. Aber wir können es vielleicht zu einem Rad machen, dass geschmeidiger läuft.

Österreich lockert ab dem 14. April die Maßnahmen. Ist das mutig? Bestimmt. Ist es notwendig? Bestimmt. Ist es ein Risiko? Bestimmt. Ist das Leben? Bestimmt.

Wenn es möglich ist, und es ist ja möglich, im Supermarkt, der Apotheke und der Bäckerei durch einfache Maßnahmen die Ansteckungsgefahr zu minimieren, was hindert daran, es in anderen Geschäften und Lokalen ebenso zu handhaben?

Und bis es soweit ist bleibt der Wunsch, sogar jene laut singend anzuspringen und schwanzwedelnd zu begrüßen, die man vor Corona noch töten wollte.

Selbst der Hund dreht nämlich langsam durch, indem er eine Wesensveränderung an den Tag legt, die verblüfft.
Und so schafft Corona, was bisher kein Training schaffte.
Aus einem prollenden Revierrambo wird ein sozialverträglicher Schmusewolf.

Aber keine Sorge. Auch der Hund ist nur ein Mensch! Und nach Corona ist wieder alles beim Alten. Jede Wette!