Der Fall S.*


Es ist schon eine ganze Weile her. Aber ich erinnere mich gut an ihn. Der S.*

S. lebte seit gefühlten Ewigkeiten mitten unter uns. Er war immer dabei. Selbstverständlich war er dabei. Er gehörte zu uns und wir zu ihm.

Er sah gut aus, grinste verschmitzt und war einfach unglaublich süß. Er trug bunte Klamotten und Hüte, sang lustige Lieder, dichtete unsinnige Reime und war erfüllt von Lebensfreude, mit der er uns ansteckte. Er war frei und unabhängig.
Und er hatte einen so knackigen Hintern, dass mir bei dem Gedanken daran noch heute wohlige Schauer den Rücken herunter prickeln. Das war S.

Jedenfalls: Wir waren alle verliebt in ihn. Und er in uns. Er verströmte sich. Einfach so. Mein Gott, was war der Typ sexy!
Er machte unser Leben leicht und einfach; auch wenn es das nicht wirklich immer war. Wo S. war wurde früher oder später gelacht. Und wenn das nicht gelang, dann immerhin gelächelt. Und wenn das nicht ging, dann eben geschmunzelt und getröstet.


Ja wir lachten. Wir lachten sogar über Dinge, die gar nicht zum Lachen waren.

Eines Tages tauchte dieser E.* auf. Groß gewachsen und in elegantes Grau gekleidet stellte er alles in Frage, was S. sagte und tat. Er argumentierte auf scheinbar so hohem Niveau, dass niemand hinterfragte, was sein wahres Ziel ist.
Er hielt große Reden darüber, dass die Lage bedenklich und bedrohlich sei wie nie. Er wußte alles über das richtige, weil erfolgreiche Leben und darüber, was man tun und lassen müsse, damit die anderen uns erstens nicht zu nah kommen und zweitens unser Ansehen nicht beschädigt würde.

Er wusste, was die wirklich wichtigen Dinge sind und wie man sie erreichen könne.
Und er wurde nicht müde zu betonten, das einer ganz gewiss nicht in ein sinnvolles und erfolgreiches Leben gehörte. Der S.

Jetzt war das Zeitalter E. am Start.

Die ersten von uns wechselten ihre bunten Socken sehr schnell gegen anthrazitfarbene und tauschten die Hüte gegen Helme. Sie taten es freiwillig. Und viele folgten ihnen und begannen die zu verhöhnen, die es ihnen nicht gleichtaten und stattdessen die Lieder des S. sangen und seine Reime rezitierten, Rotwein zum Leberwurstbrot tranken und ungefiltert in die Welt grinsten.

Irgendwann war dann alles grau, gereizt und angespannt. Bunt war zur Gefahr geworden.
E. hatte gewonnen.
Es gab nur noch Probleme. Jeder der gute Laune hatte oder gar lächelte wurde als Kiffer oder Alkoholiker verdächtigt.
Und jeder der etwas aß oder trank oder rauchte oder sagte, was man nicht mehr essen, trinken, rauchen oder sagen dürfen sollte, wurde in schwere Gewissensketten gelegt, geshitstormed oder gemobbt – wahlweise getötet.

Der graue E. hat seine Macht ausgebaut und gefestigt.

S. sitzt immer noch halb verhungert mit einer Platzwunde an der Stirn in einer dunklen Nische seiner Gefängniszelle. Seine einst rotblonden Locken sind zu lichten Strähnen verkommen. Der verwaschene Overall hängt fadenscheinig und viel zu groß an ihm herunter. Es ist dunkel in der Zelle.

Aber seine blauen Augen leuchten, verschmitzt, immer noch! Und jetzt steht er auf. Wow. Und mir laufen wieder diese Schauer über den Rücken. Was ist der Typ doch immer noch sexy.

End of Story.

PS. Bisschen düster dieser kleine Fall, nicht wahr?
Aber so könnte es aussehen, wenn Angst und dünnhäutige Moral sich die Maske des *Ernst des Lebens aufsetzen und mal eben den *Spaß in den Knast stecken um ihn dort verhungern zu lassen.

Lasst uns bunte Socken anziehen, singen, reimen und lachen und damit den Spaß befreien. Hey, auf den Spaß des Lebens! Ein Bier (mit Alkohol) auf den Fall S.